Die Herausforderung, ich selbst zu sein

„Christiana war unsere graue Maus und alle Lehrer waren ihr ein Graus. Denn die stellten ihr oft Fragen und sie wusste nichts darauf zu sagen.“ Dieser Text stand über mich in der Abschlusszeitung meiner Klasse in der Realschule. Und er sagte einiges aus. Dass ich in der Schule schüchtern und zurückhaltend war und mir tatsächlich, wenn ich aufgerufen wurde, oft die Worte fehlten. Vermutlich auch ein Grund, warum ich in den letzten Schuljahren gemobbt wurde. Ich habe so unter dem Mobbing gelitten, dass ich mir vornahm, mich nie mehr so zu verhalten. Ich dachte, der Fehler lag bei mir. Ich war nicht richtig, so wie ich war. Ich musste mehr reden, durfte nicht so ruhig und zurückhaltend sein. Als meine Ausbildung begann setzte ich meinen Plan in die Tat um und zwang mich, „offener“ zu sein. Und es funktionierte. Ich war keine Außenseiterin mehr, sondern gehörte dazu. Ein tolles Gefühl. Ähnlich war es während meiner Auslandsaufenthalte in Frankreich und Spanien.

Und dennoch … da war irgendwie immer jede Menge Druck. Bloß nicht wieder zu ruhig sein und wieder in die Außenseiterrolle fallen. Dieser selbstgemachte Druck führte u. a. dazu, dass ich mich selbst gar nicht mehr wahrnahm und immer nur auf das Außen achtete und darauf, offensichtlich so zu sein, wie mich andere akzeptierten. Dazu, dass ich meine ganz eigenen Bedürfnisse verleugnete. Ich hatte verlernt, ich selbst zu sein. Mein Körper zeigte mir mit Angstzuständen und Panikattacken, dass ihm dieser ganze Druck zu viel war. Ich sah es lange Zeit nicht. Irgendwann wurde es mir aber dann doch klar. Und ich begann, auf mich zu achten. Mich so zu verhalten, wie es mir entspricht. Das ist nicht leicht, wenn man es viele Jahre anders gemacht hat. Und dann gibt es da immer die Menschen, für die man „zu“ irgendwas ist … zu ruhig, zu schüchtern, zu sensibel. Aber … dann bin ich das eben. Ich kenne mich inzwischen gut. Wenn ich neue Menschen kennenlerne, bin ich eben erstmal ruhig. Ich muss erstmal alles einordnen, beobachten. Und es braucht meistens lange, bis mir jemand vertraut ist. Na und? Da ist völlig ok. Meine Auftauphase ist eben etwas länger als die von anderen. Dafür bin ich, wenn ich Menschen gut kenne und/oder mich wohlfühle, eine echte Quasselstrippe.

Ich arbeite also daran, ich selbst zu sein. Das gelingt mir immer besser, auch wenn es immer noch Momente gibt, in denen ich mich wieder unter Druck setze und in alte Muster zurückzufallen drohe. Zum Beispiel, wenn ich ohnehin schon gestresst bin. Wenn ich das bemerke, habe ich aber immerhin noch die Möglichkeit, gegenzusteuern. Tief durchzuatmen und die alten druckmachenden Gedanken und Glaubenssätze in neue, positive umzuwandeln.

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