Keine Angst vor Gefühlen

Ich war schon immer ein sehr gefühlsbetonter Mensch. Als ich so um die 7 Jahre alt war, las mein Vater meiner Schwester und mir ein Buch über einen Hund vor, das damit endete, dass der Hund weglief (in den Wald) und nie wieder gesehen wurde. Das nahm mich so mit, dass ich eine ganze Weile sehr weinen musste. Ich machte mir Sorgen, dass der Hund kein warmes Körbchen und kein Futter mehr haben würde. In meinem weiteren Leben gab es noch so einige ähnliche Situationen, die mich mitnahmen und die andere Menschen dazu veranlassten, mir gute Ratschläge zu erteilen wie „Du darfst nicht immer alles so an dich heranlassen“, „Du musst dir ein dickes Fell zulegen“ etc. Unglaublich hilfreich. (Nicht.) Zumal mir auch niemand genau sagen konnte, wie ich das denn machen soll. Und eigentlich will ich das auch gar nicht. Okay, in manchen Situationen wäre es tatsächlich gut, mich etwas besser abgrenzen zu können. Daran arbeite ich. Aber im Großen und Ganzen ist meine Gefühlsbetontheit eines der Dinge, die mich ausmachen. Ich BIN so. Und nach einer langen Zeit, in der ich gerne anders sein wollte, finde ich es auch völlig ok, so zu sein.

Oft habe ich allerdings das Gefühl, mich dafür entschuldigen zu müssen, dass ich ein emotionaler Mensch bin. Vielleicht, weil Gefühle zeigen mit schwach sein gleich gesetzt wird? Für mich sind Menschen, die Gefühle zeigen, ganz sicher nicht schwach. Ich bewundere sie … weil sie gegen den Strom schwimmen, den Strom, der suggeriert, dass man cool und hart sein muss, um gut durchs Leben zu kommen. Ich habe meine Emotionalität lange versteckt. Ich kann nach außen völlig ruhig erscheinen, während in meinem Inneren das Gefühlschaos tobt. Gelernt habe ich das schon früh. In meiner Familie wurde nie über Gefühle gesprochen und sie wurden selten gezeigt. Gefühle? Das ist doch was für Weicheier. Wer weinte, über den wurde sich lustig gemacht. Ich lernte schnell. Und zeigte nichts mehr von mir. Es vergingen viele Jahre in diesem Panzer. Es war anstrengend. Und mein Körper zeigte mir durch häufige Magenprobleme und Panikattacken, dass ich offensichtlich nicht so lebte, wie es mir entsprach.

In den letzten Jahren habe ich begonnen, mich von diesem Panzer zu befreien. Dazu zu stehen, dass ich eben ein Gefühlsmensch und noch dazu hochsensibel bin. Dem viele Dinge nahe gehen. Der sich bestimmte Dinge im Kino oder im Fernsehen nicht anschauen kann, weil es zu aufwühlend ist. Der, wenn sich jemand anderes schlecht fühlt, diese Gefühle in dem Moment auch fühlt. Der sich eben lieber auf das Bauchgefühl verlässt als auf den Kopf. Der sich in etwas hineinfallen lassen und Gefühle zulassen kann, auch wenn es in dem Moment vielleicht unvernünftig erscheint (was nebenbei bemerkt zu den schönsten Momenten in meinem Leben geführt hat – und auch zu den schmerzhaftesten). Der gerne mal in Träumen versinkt und nicht den Anspruch hat, ständig etwas leisten zu müssen. Manchmal ist es schwierig. Weil ich von manchen Menschen belächelt oder nicht ernst genommen werde. Weil ich mich manchmal nicht verstanden und dann auch einsam fühle. Trotzdem: ich bin dankbar für meine Fähigkeit. Und je mehr ich nach meinen Gefühlen lebe, desto besser geht es mir. Im Alltag falle ich noch oft zurück in mein altes Ich, das sich verstecken will. Und nichts zeigen. Aber ich merke durch das Schreiben hier, dass es sich so unfassbar befreiend anfühlt, wenn ich mich zeige, wie ich wirklich bin.

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