Von Veränderungen, vom Loslassen und von zweiten Malen

Loslassen … das ist etwas, was ich nicht gut kann. Mir fällt es schwer, Orte, an denen ich mich besonders wohl gefühlt habe, Tiere und Menschen, die mir besonders ans Herz gewachsen sind, loszulassen. Neulich habe ich darüber nachgedacht, warum das eigentlich so ist. Weil das, was war, so schön war und ich deshalb einfach nicht will, dass es zu Ende ist. Weil ich ganz genau weiß, dass es nie wieder genau so werden wird. Und weil ich deshalb die Zeit anhalten will und das, was ich so mag, festhalten. Aber leider funktioniert das so nicht. Ich weiß, dass das Leben Veränderung ist. Dass es Veränderungen geben muss. Veränderungen können positive Dinge mit sich bringen. Und man lernt durch Veränderungen, erweitert seinen Horizont. Das sagt mein Kopf. Mein Gefühl sagt in dem Moment der Veränderung: Ich will nicht, dass das, was ich so mag, weg ist. Ich will, dass alles so bleibt wie es ist.

Als Jamie gestorben ist, hatte ich Angst, dass die Erinnerung an ihn und an die Erlebnisse mit ihm immer weiter wegrückt. Dass ich irgendwann nicht mehr jeden Tag an ihn denke. Dieser Gedanke war in dem Moment sehr schmerzhaft. Und: meine Befürchtung von damals ist eingetreten. Aber es fühlt sich nicht mehr so schlimm an wie als alles noch ganz frisch war. Ich vermisse ihn zwar immer noch, aber ich kann inzwischen mit einem Lächeln an ihn und all die Erlebnisse mit ihm denken. Und ich bin sehr dankbar, dass er in meinem Leben war. Gleichwohl ist es natürlich so, dass kein anderer Hund all das besondere hat(te), was er hatte. Flores ist ganz anders, nicht schlechter, aber anders eben. Heißt: wenn man etwas verliert, bekommt natürlich nicht mehr ganz genau das, was man hatte, sondern etwas anderes. Anfangs, wenn die Trauer um das Verlorene noch sehr groß ist, sieht man nur das, was man verloren hat. Mit der Zeit relativiert es sich und man erkennt, dass das, was man verloren hat, nicht immer uneingeschränkt positiv war. Oft gab es auch negative Seiten. Und gleichzeitig stellt man fest, dass das Neue nicht nur negative Seiten hat, sondern auch viele positive. Und dass das Neue einem viele Möglichkeiten zur Weiterentwicklung bietet, die man nicht gehabt hätte, wenn man an dieser Stelle stehengeblieben wäre. Ich habe zum Beispiel Umzüge schon immer gehasst – weil ich jedes Mal mein Umfeld verloren habe und mir mühsam wieder ein neues aufbauen musste. Trotzdem habe ich von jedem Ort, an dem ich bisher gelebt habe, 8 an der Zahl, etwas mitgenommen, was ich nie erwartet hätte. All diese Orte haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Bei manchen Orten fiel es mir besonders schwer, sie zurück- und loszulassen. Meinen letzten Wohnort zum Beispiel. An dem hatte ich mich spontan wohl und zu Hause gefühlt (was bei mir offensichtlich genauso selten ist wie wenn ich mich zu einem Menschen spontan sehr stark hingezogen fühle). Hier dagegegen tue ich mich mit dem Einleben schwer. Weil ich meinen alten Wohnort noch nicht losgelassen habe und mich deshalb hier nicht richtig einlassen kann? Weil ich noch genau weiß, wie glücklich und angekommen ich mich dort gefühlt habe? Weil ich deshalb immer noch mit dem Gedanken spiele, wieder zurückzugehen? Ich war auf einem ganz guten Weg, mich hier nach und nach einzuleben und mag einige Dinge hier tatsächlich ganz gerne – aber dann kam Corona und damit ein Rückschritt nach dem nächsten (es ist insbesondere nicht sehr lustig, wenn man in der neuen Stadt ohnehin kaum jemanden kennt und dann noch Kontaktbeschränkungen angeordnet werden, sodass der Aufbau eines neuen Soziallebens komplett auf Eis liegt). Ich kann mir immer noch vorstellen, zurückzugehen. Aber da ist diese Sache mit den zweiten Malen. Ich weiß genau, dass das zweite Mal nicht so sein wird wie das erste Mal. Und dann bin ich mir nicht sicher, ob ich mir mit der Enttäuschung, dass es eben nicht mehr so schön ist, wie in meiner Erinnerung, meine Erinnerung kaputtmache. Das ist mir tatsächlich schon passiert. Damals, als ich bei Disney gearbeitet hatte. Ich hatte so eine tolle Zeit dort, dass ich sie im darauffolgenden Jahr unbedingt wiederholen wollte. Aber: oh Wunder, das zweite Mal dort war natürlich dann ganz anders und gar nicht so toll. Nicht mehr der gleiche Job, nicht mehr die gleichen Leute. Ich hätte es beim ersten Mal belassen sollen.

Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob ich den Gedanken mit dem Zurückgehen weiter verfolgen sollte. Es ist immerhin fast ein Jahr vergangen seit meinem Umzug und die Welt hat sich weitergedreht. Und vielleicht ist dieses glückliche Gefühl, was ich dort so oft hatte, ja nur noch in meiner Erinnerung so präsent? Vielleicht sollte ich ja einfach hier weitermachen? In jedem Fall dürfte ich nicht mit dem Gedanken zurückgehen, dass alles so wird, wie es vor meinem Wegzug war, sondern komplett ohne Erwartungen. Ich würde mich wieder neu einleben müssen. Zumindest weiß ich, dass ich es mir nicht vorstellen kann, hier in dieser Wohnung langfristig zu leben. Es wird also ohnehin wieder eine Veränderung geben müssen. Es wird sich bald zeigen, ob das ein Umzug hier in der Stadt oder ein Umzug zurück sein wird.

7 Kommentare zu „Von Veränderungen, vom Loslassen und von zweiten Malen

  1. Liebe Christina, deine Worte haben mich gerade beim Lesen tief berührt. Teilweise hätte auch ich diese Zeilen schreiben können, weil ich deine Gefühle so, so gut nachempfinden konnte (und nebenbei: Wunderschön geschrieben!). Auch mir fällt es immer extrem schwer, Veränderungen zuzulassen, gerade wenn doch eigentlich gefühlt alles so bleiben kann wie es ist. Aber ich finde du hast es selbst sehr schön auf den Punkt gebracht: Jede neue Veränderung gibt auch wieder neue Impulse und macht uns zu dem, was wir sind. Ich glaube, als ich von Rostock nach Leipzig gezogen bin habe ich mehr als 2 Jahre gebraucht, um die neue (Wohn-)Situation mit den verbundenen Veränderungen nicht nur anzunehmen, sondern auch gut zu finden. Vielleicht ist es ja so: Je wohler man sich an einem Ort gefühlt hat, desto länger braucht man, um sich woanders neu zu einzuleben. Wie in der Liebe ja auch. Ich wünsche Dir jedenfalls von Herzen, dass sich deine Zerrissenheit mit den Monaten legt und du ankommen kannst. ❤ Und falls nicht: Dorthin ziehen, wo man sein Herz verschenkt hat, kann kein Rückschritt sein. Es würde mit Sicherheit auch anders sein beim 1. Mal, aber nicht jede Erfahrung (wie z.B. Disney Land) muss sich ja wiederholen. Anders kann ja auch schön sein. 🙂 Ganz, ganz liebe Grüße!

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    1. Liebe Johanna, allerliebsten Dank für deinen so tollen Kommentar 🙂 Ja, das denke ich auch, dass man länger braucht, je wohler man sich an dem vorherigen Ort gefühlt hat. Wobei ich selbst an besagtem zurückgelassenen Ort bestimmt so ein Jahr gebraucht habe, um mich richtig zu Hause zu fühlen. Allerdings wusste ich sofort, als ich das erste Mal in der Wohnung stand: Das ist es! Aber ich denke, es ist auch normal, dass das Einleben länger dauert … der neue Ort/die neue Wohnung ist ja am Anfang etwas komplett fremdes und erst durch alles, was man da erlebt hat, wird es zu einem Zuhause. Intereessanterweise habe ich beim ersten Mal Leipzig auch ca. 2 Jahre gebraucht, um mich einzuleben 😉 Ganz lieben Dank für deine Wünsche! Mit dem, was du zum Zurückziehen geschrieben hast, hast du vollkommen recht – und auch ins Schwarze getroffen 😉 Ich habe nämlich tatsächlich in der letzten Zeit manchmal gedacht: Jetzt habe ich mich hier schon ein bisschen eingelebt … es wäre ja schon ein Rückschritt, zurückzugehen. Insofern: lieben Dank für deine Sichtweise dazu 🙂 Ganz liebe Grüße zurück an dich!

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  2. bei mir ist es genau so….es ist gut weiter zu ziehen…aber immer nach Vorne.
    Es ist gut Zwischendurch mal zurück zu schauen, möglichst mit einem friedlichen Geist für die schöne, aber vergangene Zeit….aber dann sollte man auch wieder mit offenem Herzen nach Vorne schauen…und das Neue annehmen…

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  3. Oh je. Loslassen, das ist auch so ein Thema für mich. – Ich bin sehr beeindruckt, dass Du schon so oft umgezogen bist. Für mich ist das der blanke Horror- Es ist SO SEHR Veränderung, und es ist während dessen auf mehr oder weniger unbestimmte Zeit so vieles unbestimmt, unsicher, vage.

    An dem Ort, wo ich jetzt wohne, wohne ich schon seit 32 Jahren mittlerweile. Innerhalb dieses Ortes bin ich 3mal umgezogen, zuletzt 1997. Es waren allerdings jeweils kleine Umzuge, weil ich seinerzeit noch keine Familie hatte und zunächst auch nahezu keine Möbel geschweige denn einen „Hausstaat.“

    Ich kann Dich gut verstehen, dass Dir das Einleben an einem neuen Ort schwer fällt, dass es viel Zeit braucht. Mir ist das auch immer so gegangen. Rückblickend, sind mir manche Orte dann vertrauter geworden, näher, als andere. Aber ich weiß, dass ich das, was ich heute von diesen Orten in mir trage, ERINNERUNGEN sind.

    Wenn ich heute in meine Geburtsstadt komme (eine weitgehend schöne Stadt mit viel Natur in der Umgebung) dann ist sie mir doch nunmehr irgendwie auch fremd. Sie ist nicht mehr so, wie ich sie damals erlebt und wahrgenommen habe. Ob ich dort wieder leben könnte? Vielleicht, auch, weil es nicht sehr weit weg von hier ist und weil ich deshalb in den letzten Jahren immer wieder einmal dort war.

    Kurz gesagt: Ich habe keinen „Rat“, liebe Christiana. Nur würde ich mir an Deiner Stelle mehr Zeit geben. Gerade, weil wir länger brauchen, um mit Veränderungen zurecht zu kommen, Dinge annehmen zu können …

    In ein, zwei Jahren fühlst Du Dich vielleicht dann doch heimischer …

    Ganz liebe Grüße an Dich! 🌻🌞

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