Abgrenzen

In den letzten Wochen, eigentlich vermehrt seit Corona-Beginn war mein Angst-Level wieder konstant hoch. Vermutlich deshalb, weil ich kaum noch Dinge zum Stressabbau und Selbstbewusstseinsaufbau tun konnte. Dazu kamen das ständige Nachdenken über die zu treffende große Entscheidung, ein Streit mit einer meiner Schwestern – und am letzten Wochenende ein Besuch bei Familienangehörigen, bei dem ich das Gefühl hatte, dass Flores‘ Problem mit fremden Menschen so gar nicht besser geworden ist. Ich habe mich wieder permanent entschuldigt, mich für alles verantwortlich gefühlt und wieder versucht, an allen Fronten zu kämpfen und es allen recht zu machen. Das Ende vom Lied war, dass ich mich nach dem Besuch unglaublich erschöpft gefühlt habe, Panikattacken inklusive. Ich war einmal mehr weit über meine Grenzen hinausgegangen. Konnte mich nicht abgrenzen. Und genau das ist es, was die Angstsymptome auf den Plan ruft.

Mir fällt es grundsätzlich sehr schwer, mich abzugrenzen. Noch schwerer ist es, wenn ich ohnehin nicht sonderlich viel Energie habe. Dann falle ich sehr schnell in alte Muster zurück und alte, übermächtige Glaubenssätze bahnen sich wieder ihren Weg in meinen Kopf. Meistens klappt das Abgrenzen erst später durch zeitliche und räumliche Distanz. Dann ist der Kopf nicht mehr angstvernebelt und dann sehe ich plötzlich wieder klar. Dann sehe ich auch, dass ich z. B. die andere Person, die mir Dinge an den Kopf geworfen hat, die gar nicht gehen, viel mehr hätte in die Schranken weisen müssen. Und Dinge, die ich zuvor noch als katastrophal und nicht zu bewältigen eingeordnet habe, sind aus einer anderen Perspektive betrachtet plötzlich gar nicht mehr so schlimm.

Gestern war ich in der Innenstadt unterwegs, einfach ein bisschen im Café sitzen, die Sonne genießen und ein paar Kleinigkeiten einkaufen – und das hat mir wahnsinnig gut getan. Einfach, weil ich etwas ganz für mich alleine getan habe. Ich habe nochmal über das Wochenende nachgedacht und mir ist einiges bewusst geworden. Mir war es furchtbar unangenehm, dass Flores wieder Leute aus meiner Familie angeknurrt/angebellt hat, wenn die ihr zu nahe kamen und diese dann sehr erschrocken waren und natürlich Angst hatten. Ich habe versucht zu erklären, warum sie das tut – aber ich hatte das Gefühl, dass es nicht so wirklich verstanden wurde. Und dann flogen wieder Gedanken durch meinen Kopf wie „Sie halten mich bestimmt für total unfähig“, „Sie erwarten von mir, dass ich etwas tue, damit sie das nicht mehr macht“ (was so in der Art auch kommuniziert wurde, was aber nunmal nicht funktioniert – sie hat in der Hinsicht aufgrund ihrer Vergangenheit große Probleme, an denen man Stück für Stück arbeiten muss – was ich auch tue). Ich hätte mir halt ein bisschen Verständnis gewünscht – und nicht: der Hund muss aber jetzt so oder so funktionieren.

Wenn ich dann so wenig Energie habe, wie in diesem Fall, schaffe ich es auch nicht, mich gegen dominantere Menschen durchzusetzen und verfalle gerne in den Rechtfertigungsmodus. Dann hilft nur noch: Abstand herstellen, damit ich wieder zu mir selbst finden kann. Dann weiß ich nämlich auch wieder genau, was ich will. Und wo meine Grenzen überschritten werden. Warum habe ich eigentlich Angst, es mir mit solchen Menschen zu verscherzen? Warum fällt es mir oft schwer, sie in die Schranken zu weisen? Sie unterstützen mich doch ohnehin nicht. Und das, was ich bisher geschafft habe, habe ich alleine oder mit der Unterstützung einiger weniger lieber Menschen geschafft.

Als ich gestern unterwegs war, habe ich mich so viel besser gefühlt als in den letzten Tagen. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt und daran gedacht, wie frei ich mich gefühlt habe, wenn ich die Dinge getan habe, die mir Spaß machen. Ganz besonders dann, wenn ich mich ängstlich gefühlt habe, dann aber trotzdem nicht zu Hause geblieben, sondern genau deshalb losgegangen bin. Das waren die Momente, in denen ich dann ganz bei mir und glücklich war. Genau diese Momente haben mir Kraft gegeben. Nicht die Momente, in denen ich mich angepasst habe und das getan habe, was andere wollten.

Also: ich nehme mir vor, in der nächsten Zeit möglichst viele Dinge zu tun, die mir gut tun und mir Kraft geben. Der Sommer steht vor der Tür. Für mich die allerschönste Jahreszeit überhaupt. Und die will ich in vollen Zügen genießen. Mit ganz viel Zeit draußen, im Wald oder auf dem Wasser. Das gibt mir dann auch wieder die Energie, mich mit schwierigeren Dingen auseinanderzusetzen und mich besser abgrenzen zu können. Und dafür, mich um meine ganz eigenen Ziele zu kümmern.

15 Kommentare zu „Abgrenzen

  1. Ja, Du weisst schon sehr gut, was Dir guttut und was nicht. Auf dem Weg solltest Du weitergehen, denke ich. Denk weniger an andere und an Deine Probbleme, sondern mehr wende Dich mehr den einfachen und schönen Dinge zu, die man sich auf jeden Fall leisten darf, ohne negative Gedanken darüber zu haben.

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    1. Ja, ich werde auf jeden Fall auf dem Weg weitergehen. Allerdings ist das Ganze halt ein Prozess … jahrelang eingeübte Muster kann man nicht von heute auf morgen ändern, das dauert seine Zeit. Und weniger an andere denken finde ich persönlich schwierig 😉

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  2. Liebe Christiana, ich weiß auch nicht, irgendwie berühren mich deine offenen Worte jedes Mal so sehr beim Lesen. ich finde, es ist so ein großes Geschenk, dass du so einen starken, emotionalen Zugang zu dir hast – auch wenn der dir leider in mancher Hinsicht auch vieles (noch) erschwert. Aber wie toll, dass du dir die Auszeit in der Stadt genommen und über all das reflektiert hast – an diese Erkenntnisse kannst du bestimmt ganz bald anknüpfen. Auch wenn wir uns nicht kennen, bin ich mir sicher, dass du ein ganz wunderbarer Mensch bist, der sich vor nichts und Niemanden verstecken oder Kleinreden muss. Ich wünsche dir ganz viel Kraft! 🙂

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    1. Liebe Johanna,
      ganz, ganz lieben Dank für deine lieben Worte, die mich wiederum sehr berührt haben und über die ich mich sehr gefreut habe! Ich versuche weiterhin Wege zu finden, wie ich an die Erkenntnisse anknüpfen kann und in kleinen Schritten weiter voranzukommen.
      Ganz liebe Grüße an dich 🙂

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  3. Ich verstehe gut, das Du schnell in alte Muster zurück fällst..es ist schwer sich aus Verhaltensmustern zu lösen….ich hab vor Jahren schon beschlossen mich von Menschen ..auch Familie, die mich belasten und mir nicht gut tun, so weit wie möglich fern zu halten… das hilft mir.. Du weist ja, das Du es nie allen Menschen in Deiner Umgebung recht machen kannst.. 🌷🌷 Du reflektierst Dich sehr genau…Du hast die Kraft in Dir

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    1. Ja, es ist nicht einfach, sich aus alten Verhaltensmustern zu lösen. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein langer, langer Prozess, bei dem man eben auch immer mal wieder zurückfällt. Ich finde es mutig und konsequent, dass du dich von den Menschen in der Familie, die dich belasten, fernhälst. Ich werde auch versuchen, mich von den entsprechenden Leuten mehr zu distanzieren.

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  4. Du bist bewundernswert weit auf Deinem Weg, Dich Ängsten und ihren Ursachen zu stellen, überhaupt darin, Dich sehr differenziert zu reflektieren und Strategien zu erkennen und umzusetzen, die Dir gut tun.

    Ich wünsche Dir sehr, dass Du immer die nötige Energie dafür hast, noch besser, dass Du immer seltener in solche angstauslösenden bzw. -begüntigenden Situationen gerätst. – Das ist manchmal so schwer, weil man nicht immer all dem und all denen aus dem Wege gehen kann, die für solche Situationen ursächlich sind.

    Nicht versäumen möchte ich, Dir abermals ein Kompliment für die wieder ausnehmend schönen Fotos zu machen.

    Viele liebe Grüße an Dich, Christiana! 🙂🌻

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  5. Lieber Sternflüsterer,
    danke für deine lieben Worte … allerdings kann ich nicht sagen, ob ich weit gekommen bin im Umgang mit meiner Angst. Das Reflektieren funktioniert ganz gut (im Nachhinein), das Umsetzen von Strategien funktioniert manchmal und manchmal nicht (in Stresssituationen gar nicht). Aber: Umgang mit Angst ist ja auch kein Wettbewerb, sondern eine riesige Herausforderung und ein Lernprozess, der wahrscheinlich lebenslang andauern wird. Das Aufschreiben meiner Gedanken dazu hilft mir, klarer zu sehen und es vielleicht beim nächsten Mal besser zu machen.

    Du hast so recht, wenn du schreibst, dass man den Dingen oder den Menschen, die Angst auslösen, nicht immer aus dem Weg gehen kann. Mich begleitet die Angst als frei flottierende Angst gerade wieder täglich und ich bin glücklich über jeden Moment, in dem ich mich „normal“ fühle. Natur hilft da immer sehr, sehr, sehr.

    Ganz lieben Dank für dein Kompliment für die Fotos, das freut mich sehr 🙂

    Ich wünsche dir ein schönes, möglichst angstarmes Wochenende!

    Ganz liebe Grüße an dich! 🙂

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  6. Liebe Christiana,

    ich kann dich sehr gut verstehen, wenn Flores ˋ „unsoziales Verhalten“ fremden Menschen gegenüber, dich in eine blöde Lage versetzt. Doch dann solltest du beim nächsten Familienbesuch überlegen, sie zuhause zu lassen, sofern sie alleine bleibt oder einen Sitter engagieren. Dann geht’s dir und dem Hund besser. Sollte Flores an einer Verhaltensstörung leiden oder aber ein rassebedingtes Verhalten zeigen (sie sieht so ein bisschen wie ´ n Herdi aus) könnte man das was trainieren, dauert aber, da du ebenso dein Verhalten ändern müsstest.

    Liebe Grüße
    Bettina

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    1. Liebe Bettina,
      danke für deinen Kommentar. Zuhauselassen ist leider nicht möglich, da wir mehrere Hundert Kilometer von der Familie entfernt wohnen (auch hier wäre das noch nicht uneingeschränkt möglich, da das Alleinebleiben noch nicht 100 % klappt (wir trainieren seit mehreren Monaten und es hat sich schon sehr verbessert, sie schafft mittlerweile 3 Stunden). Sitter engagieren bräuchte auch eine längere Vorlaufzeit, da sie fremde Menschen anknurrt/anbellt und wir daher erst einmal jemanden finden müssen, der sich mit diesem Verhalten auskennt und bei dem sie dann auch mal bleiben könnte. Wir waren bisher bei einem Hunde-Verhaltenstherapeuten (dieser hat bei ihr PTBS diagnostiziert) und bei einem weiteren Hundetrainer. Sie hat sie in dem Jahr bei uns schon sehr gut weiterentwickelt, das Problem mit fremden Menschen besteht allerdings weiterhin (wenn sie die Menschen dann kennt, zeigt sie das Verhalten nicht mehr bzw. auch bei den bisher sehr wenigen Menschen, die mit diesem Verhalten umgehen können, sie von Anfang an ignoriert haben etc.). Interessant, dass du findest, dass sie ein bisschen wir ein Herdi aussieht … wir haben kürzlich einen Gentest machen lassen und der ergab, dass tatsächlich ungefähr 3/4 Herdenschutzhund drinsteckt, neben Saluki und Weißem Schäferhund (vermittelt wurde sie uns als Golden-Retriever-Mischling, ich hatte vorher einen Goldie und war mir aufgrund des Verhaltens ziemlich sicher, dass da wohl kaum Goldie drinsteckt). Ich versuche mein Verhalten schon zu ändern, leider fehlt mir da ein bisschen die Richtung (die beiden Hundetrainer konnten mir da in Bezug auf die Sache mit fremden Menschen auch nicht so richtig weiterhelfen). Und natürlich möchte ich auch nicht, dass sie sich das Problem verschlimmert. Hast du vielleicht Tipps, an wen ich mich wenden könnte bzw. für weiteres Vorgehen?

      Vielen Dank und liebe Grüße
      Christiana

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