You would save my life

Das schrieb mir eine Auftraggeberin vor ein paar Jahren. Das Pfingstwochenende stand vor der Tür und sie suchte sehr dringend jemanden für einen Korrekturleseauftrag. Ich hatte mich eigentlich auf ein freies Pfingstwochenende gefreut und teilte der Auftraggeberin mit, dass ich nicht verfügbar sei. Nach einigen Mails kam dann der besagte Satz. Und ich? Knickte ein. Weil ich dachte, ich kann sie da ja jetzt nicht hängenlassen. Es stellte sich schnell heraus, dass das Handbuch so schlecht übersetzt war, dass Korrekturlesen nicht ausgereicht hätte, sondern eine komplette Neuübersetzung nötig gewesen wäre. Das teilte ich der Auftraggeberin auch sofort mit. Allerdings: diese hatte sich bereits ins verlängerte Wochenende verabschiedet. Als die Feiertage vorüber waren, folgte ein zähes Ringen darum, wie man denn jetzt weiter vorgehen sollte und es dauerte mehrere Tage, bis wir uns einigen konnten. Ich hatte damals noch nicht so viel Berufserfahrung und konnte noch nicht so gelassen mit einer solchen Situation umgehen. Dementsprechend hatte ich ein sehr unentspanntes Pfingstwochenende und auch danach kostete mich das alles noch eine Menge Nerven. Aber: aus dieser Situation und auch aus einigen anderen, in denen ich nach entsprechendem Drängen statt „Nein“ doch noch „Ja“ sagte, habe ich gelernt.

Ich lernte, dass ICH diejenige bin, die Dinge, die schiefgehen ausbaden darf, wenn ich „Ja“ statt „Nein“ gesagt habe. Ich lernte, dass es meine Wochenenden und mein Urlaub sind, die ich für die Arbeit opfere und dass ich es bin, die dann nach dem Urlaub genauso erholt ist wie davor – nämlich gar nicht. Ich lernte, dass es meine Gesundheit ist, die leidet, wenn ich nur noch arbeite und keinerlei Ausgleich mehr habe. Gleichwohl fand ich es aber immer sehr schwierig, auf meinem „Nein“ zu bestehen, wenn die andere Person mein erstes „Nein“ nicht akzeptieren wollte und trotzdem noch mehrmals nachhakte und Druck ausübte. Da war dann so ein Zwiespalt zwischen „Ich will/kann das nicht machen“ und „Was, wenn der Auftraggeber dann abspringt, wenn ich nicht jederzeit verfügbar bin und alles tue, was er gerne hätte?“. Ich habe dann trotzdem auf meinem „Nein“ bestanden. Und manchmal ergaben sich daraus sogar noch andere Möglichkeiten. Inzwischen habe ich tatsächlich die Erfahrung gemacht, dass sich ein Haupt-Auftraggeber eben aus diesem (und aus Preissenkungsgründen) verabschiedet hat. Und was ist passiert? Nunja, ich bin bisher nicht, wie in den Katastrophenfilmen in meinem Kopf prophezeit, auf der Straße gelandet. Ich musste mein Geschäft deshalb nicht aufgeben und habe andere Auftraggeber gewonnen. Im beruflichen Kontext bin ich, was das „Nein“-Sagen angeht, inzwischen deutlich geübter und gelassener geworden.

Im privaten Bereich fällt mir das „Nein“-Sagen immer noch sehr viel schwerer. Ich helfe gerne und mir fällt es gerade bei mir nahestehenden, lieben Menschen sehr schwer, Bitten abzuschlagen. Meistens versuche ich dann, doch noch irgendwie eine Lösung zu finden. In jedem Fall gibt es immer noch jede Menge Gelegenheiten zum „Nein“-Sagen-Üben. Nicht schwer fällt mir das „Nein“-Sagen hingegegen, wenn ich merke, dass ich ausgenutzt werde. Oder wenn jemand meine Grenzen missachtet und weiter insistiert. Seit kurzem sage ich außerdem „Nein“ zum Postboten, wenn er die permanent ankommenden zahlreichen Pakete für die unfreundliche Dame von nebenan bei mir abladen will. Anfangs noch mit schlechtem Gewissen, weil der arme Postbote ja nichts dafür kann. Inzwischen geht mir das „Nein, leider nicht“ aber deutlich leichter über die Lippen. Und es fühlt sich verdammt gut an. Weil ich auf mich und meine Bedürfnisse geachtet habe.

2 Kommentare zu „You would save my life

  1. Liebe Christiana, die Schwierigkeit, „Nein“ zu sagen kommt mir leider sehr bekannt vor. Wie du musste ich in einem schwierigen Prozess, der sehr viele Überstunden, Tränen und Frustration, lernen, zu beruflichen Entscheidungen und Bitten auch mal Nein zu sagen. Das war/ ist allerdings noch nichts im Vergleich zu dem privaten Kontext. Ich tue mich da genau wie du sehr schwer damit, Grenzen aufzuzeigen und dabei zu bleiben. Erst recht, weil man ja Freunde und Familie auch nicht vor den Kopf stoßen oder vergraulen möchte. Und auch wenn ich weiß, dass man es nie allen recht machen kann, ertappe ich mich immer noch oft dabei, wie ich versuche, verschiedenen Erwartungen aus dem Umfeld gerecht zu werden. So gesehen kann ich mir da glaube ich sogar von Dir noch etwas abschauen. 🙂
    Eine ganz andere Frage: Wo hast du das Bild aufgenommen? Welcher See ist das? 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Du kennst die Schwierigkeit des Nein-Sagens also auch? Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie schwierig und langwierig dieser Lernprozess war. Auf jeden Fall finde ich es toll, dass du im beruflichen Bereich da schon so gut vorangekommen bist. Und ja, im privaten Bereich ist es sehr viel schwieriger. Ich kenne das auch, den verschiedenen Erwartungen gerecht werden zu wollen. Das ist eigentlich auch immer noch mein Haupt-Modus 😉 Hin und wieder, wenn ich entspannt bin und nicht überrumpelt werde, schaffe ich es, in den neuen Modus zu schalten. Insofern weiß ich nicht, ob ich da so ein gutes Beispiel bin 😉 Aber es ist ja auch ein Lernprozess und der braucht ganz viel Zeit und Übung. Insofern sollten wir da nicht zu streng mit uns sein.
      Das Bild habe ich letztes Jahr am Liepnitzsee nördlich von Berlin aufgenommen. Das ist ein unglaublich toller See in einem Wald. Kennst du den zufällig?

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s