Einleben

Es gibt eine Sache, die ich aus meinen vielen Umzügen gelernt habe: der Umzug an sich ist natürlich anstrengend, aber das Einleben danach ist der wesentlich größere Kraftaufwand. Ganz besonders, wenn man den Ort gewechselt hat und sein ganzes Alltagsleben wieder neu organisieren muss, weil das Gerüst aus vertrauten Alltagsdingen, was man vorher hatte, plötzlich weg ist. Man muss neue Einkaufsmöglichkeiten finden, herausfinden, wie das mit den Öffentlichen funktioniert, einen neuen Hausarzt finden, überhaupt die Gegend erkunden (was würde ich gerade nur ohne Google Maps tun) etc. Da kommt einiges zusammen. Ich hatte ja das Vergnügen schon letztes Jahr in Leipzig – und finde es ziemlich nervig und anstrengend, wenn man sich ein Jahr später schon wieder seinen Alltag neu organisieren muss. Bei den anderen Umzügen waren immerhin 2-3 Jahre dazwischen. Oder auch mal 5. Ich bin gerade so beansprucht, dass ich bei all dem gar keine Zeit habe, mich bei Freunden, Bekannten und Familie zu melden – was natürlich bei einigen auf Unverständnis stößt. Deren Leben läuft ja ganz normal und die meisten können sich ohnehin nicht vorstellen, was so ein Umzug/Wohnortwechsel alles mit sich bringt (das merke ich schon an den Fragen nach 2-3 Tagen, ob ich mich schon eingelebt habe … ähm … nein?!).

In einem Wald in meiner Oberlausitzer Heimat

Einige Dinge mag ich hier schon jetzt ganz gern … die Morgenrunden in einem sehr schönen alten und weitläufigen Park, in dem es um diese Zeit recht ruhig ist und kaum Menschen unterwegs sind (ein riesiger Unterschied zu den Morgenrunden in Leipzig) … die Wohnung und dass viele Menschen, die ich bisher getroffen habe, wirklich freundlich und hilfsbereit sind. Dass meine Pflanzen hier endlich richtig viel Licht bekommen und dadurch viel besser wachsen. Dann gibt es natürlich auch einige Dinge, die mich nerven. Allem voran: dass man, sobald man auf der „Hauptstraße“ hier unterwegs ist, angeglotzt wird wie ein Alien. Ich dachte ja, das ist hier am Rand einer Großstadt (und noch eine Großstadt ist ja direkt daneben) und da ist man es vielleicht gewöhnt, dass ab und an auch mal Fremde die Straße entlanggehen. Offensichtlich nicht. Dieses Verhalten habe ich zuletzt im Dorf meiner Eltern erlebt … da werden alle unbekannten Menschen auch genauestens begutachtet. So unangenehm. In den letzten Jahren habe ich in Großstädten oder in deren Umland gelebt – und da wurde man selbst in den kleineren Orten im Umland nicht so angeglotzt. Warum zur Hölle macht man sowas? Als introvertierter Mensch hasse ich es ohnehin wie die Pest, angestarrt zu werden. Ja, richtig angestarrt, nicht nur mal kurz geschaut. Abgesehen davon fühle ich mich hier gerade so richtig fremd und demzufolge gerade ohnehin nicht sehr selbstsicher. In den letzten Tagen ist mir das fast täglich passiert. All das Neue strengt mich gerade so an, dass ich nicht die geringste Lust oder Energie für irgendwelchen erzwungenen Smalltalk mit unbekannten Menschen habe. Die Anonymität der Großstadt hatte auf jeden Fall auch so ihre Vorteile.

Ich liebe diese großen alten Buchen

Letztes Wochenende habe ich in meiner alten Heimat bei meinen Eltern verbracht. Und was soll ich sagen … es hat mir einfach so gut getan, vertraute Menschen um mich zu haben, denen es am Herzen liegt, dass es mir gut geht. Innerlich diese Wärme zu spüren, die ich nur bei vertrauten Menschen, die mir ebenfalls sehr am Herzen liegen, spüre. Ich habe gemerkt, wie sehr ich bei all dem Fremden, Unvertrauten in der letzten Zeit genau das vermisst habe. Ich konnte wieder etwas sein, was ich in der letzten Zeit meistens nicht war: ganz ich selbst. Aus tiefstem Herzen lachen. Mich fallenlassen. Und Kraft tanken, die ich hier am neuen Wohnort brauche. Vertraute Wege gehen statt fremden Wegen. Mich sicher fühlen und nicht so in der Luft hängend wie hier gerade. Ich versuche gerade, bei all dem Fremden hier möglichst viele vertraute Dinge in meinem Leben zu haben. Das sind so kleine Dinge wie der Müsliriegel, den ich in Berlin und Leipzig immer gekauft habe. Mein Lieblingsessen zu kochen, was ich in den letzten Jahren schon immer gekocht habe. Toast mit meiner Lieblings-Orangenmarmelade zum Frühstück zu essen. Am Freitag fahre ich nach Leipzig und werde dort einen Tag mit Schreiben im Café, Stöbern im Buchladen und der Buddha Bowl von Dean & David verbringen, so wie ich es im letzten Jahr getan habe. An den mir vertrauten See fahren, der von hier aus glücklicherweise noch einigermaßen gut erreichbar ist. Meine Geschwister endlich mal wieder treffen. Und sowieso: immer wieder in dem Buch „Zuhause“ von Daniel Schreiber lesen, bei dem ich beim Lesen immer wieder mit dem Kopf nicke und denke „genauso geht es mir auch“ (ein tröstliches Gefühl, wenn einen schon sämtliche Menschen verständnislos ansehen, wenn man über all das spricht). Aber das kann eben nur jemand nachvollziehen, der all diese Dinge selbst schon erlebt hat. Auch wenn ich mich in der Wohnung in Leipzig nicht wohl gefühlt habe, habe ich etwas verloren, eigentlich schon mit meiner Wohnung davor … nämlich mein Zuhausegefühl. Ich vermisse nicht den Ort oder die Wohnung. Ich vermisse mein Zuhausegefühl. Und so ein Zuhausegefühl (und damit auch die Sicherheit) muss erst wieder wachsen … durch Zeit, Erlebnisse, Menschen am neuen Wohnort.

Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass der Umzug an einen anderen Ort mit Liebeskummer vergleichbar ist. Ja, das kann ich bestätigen. Im Urlaub habe ich ja einen kurzen Abstecher nach Berlin und Wandlitz gemacht … und war dort in der mir so vertrauten Umgebung schlagartig innerlich ruhig. Keinerlei innere Unruhe mehr, die ich hier fast die ganze Zeit habe. So wie wenn jemand, den man verloren und sehr vermisst hat, wieder da ist. Auch wenn das ein Trugschluss war – weil er ja nur für einen Moment wieder da war. Es braucht eben alles Zeit. Viel, viel Zeit. Und viele kleine vertraute Dinge … bis einem das Große, die neue Umgebung, irgendwann vertraut ist.

Ein vertrauter Weg in meinem Heimatort
Dieser Garten ist mir seit meiner Kindheit vertraut und ich habe so viele Erinnungen an Erlebnisse dort

2 Kommentare zu „Einleben

  1. Natürlich braucht es Zeit, sich einzuleben, brauchst DU Zeit. – Diese ganzen Fragen von außen sind, bei allem Respekt, rein oberflächlich, rein rhetorisch. Man erwartet eine „übliche“ Antwort, So wie ein „Gut“ auf die Frage: „Wie geht’s?“

    Ich kann damit auch nicht besonders gut umgehen, aber ich vermag es inzwischen etwas besser zu überhören.

    Ich kann gut nachvollziehen, dass Du Dich gerade wie „zwischen allen Welten“ fühlst. Aber für mich ist es auch sehr bemerkenswert und schön, zu spüren, dass Du bereits Angenehmes und Liebenswertes in Deiner neuen Umgebung gefunden hast, und, dass Du bewusst eine für die bewährte, vertraute und lieb gewonnene Dinge bewusst in Dein Leben am noch neuen Ort einzubauen versuchst.

    Ich denke auch, dass es ganz gut ist, das Leipzig nicht aus der Welt ist. Du kannst es schnell erreichen und dort Orte und Menschen begegnen, die Dir Rückhalt geben, die Du magst. Das muss nicht aufhören, jetzt wo Du in der Nachbarstadt Deine Wohnung hast.

    Oh ja, dieses Gefühl durch Blicke in den Mittelpunkt von „Aufmerksamkeit“ gerückt zu werden, das ist schlimm. Mit der Zeit wird sich das hoffentlich ändern in Deiner neuen Umgebung. (Ich bin insoweit freilich recht zuversichtlich – wenn die Leute genung geglotzt haben, merken sie uirgendwann, dass Du kein Alien bist, und dann erledigt sich das meist von allein – doof ist es natürlich trotzdem).

    Es ist ja nicht viel, was ich Dir hier geben kann, liebe Christiana. – Aber, wenn Dir das Wissen, dass ich hier bin, dass Dich meine Wünsche begleiten (und das sind nur gute), dass ich mich gut in Dich hineinversetzen kann und Du so mit Fug und Recht annehmen darfst, dass Du all das Schwere, was auf Dir lastest, wenigstens immer ein bisschen teilst, irgendwie hilft, dann wäre erreicht, was ich mir wünsche.

    In diesem Sinne, ganz liebe Grüße an Dich! 💚🌻🍁

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    1. Danke, lieber Sternflüsterer, für dein Dasein, dein Verstehen und für deine lieben Wünsche. Das bedeutet mir wirklich sehr viel, insbesondere vor allem deshalb, weil ich ja weiß, dass du selbst zur Zeit so ein schweres Päckchen zu tragen hast – und dich dann noch mit den Gedanken von anderen Menschen auseinandersetzt. Also nochmals: ganz liebe Dank!

      Ganz liebe Grüße zurück an dich 🙂

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