Ein Tag im November 2020

Leipzig am letzten Freitag im November. Es nieselt leicht, als ich von der Rolltreppe trete, die mich vom S-Bahnhof nach oben auf den Marktplatz befördert hat. Mein Weg führt mich zunächst in mein Lieblingscafé. Wie ich es vermisse, gemütlich hier zu sitzen, der Musik zu lauschen, Leute zu beobachten und zu schreiben. Jetzt sind die Tische und Stühle zusammengestellt und mit einem rot-weißen Band abgesperrt. Immerhin kann man sich etwas mitnehmen. Ich lasse mir Banana Bread einpacken. Eigentlich wollte ich mir noch meinen üblichen Chai Latte mitnehmen und mich irgendwo draußen damit niederlassen, aber 3 Grad und Nieselregen sind mir dann doch zu ungemütlich. Langsam schlendere ich die Grimmaische Straße wieder zurück. Heute ist deutlich mehr los als letzte Woche. In der Innenstadt herrscht Maskenpflicht und die allermeisten Menschen halten sich auch daran. Vor ein paar Wochen waren viele in der Innenstadt noch ohne Maske unterwegs. Ich muss gestehen, mich nervt es, auch draußen die Maske tragen zu müssen. Nach wenigen Atemzügen beschlägt meine Brille und ich sehe nur noch ungefähr die Hälfte (das Antibeschlagspray, was ich mir gekauft habe, hilft so gut wie gar nicht). Da kann man schonmal die Bordsteinkante oder einen Radfahrer (die in der Innenstadt trotz vieler Menschen recht schnell unterwegs sind) übersehen. In den Geschäften hingegen ist das Masketragen gar kein Problem.

Ich besuche noch ein paar Geschäfte – und natürlich meinen Lieblingsbuchladen. Auch wenn man auf den Cafébesuch verzichten muss, tut es doch unglaublich gut, wenigstens noch ein paar Dinge so machen zu können wie vor dem Lockdown. Raus und unter Menschen zu kommen. Etwas vertrautes zu haben. Das ist für mich gerade sehr, sehr wichtig, zumal ich mich bisher an meinem neuen Wohnort alles andere als zu Hause fühle – und gerade auch nicht viel tun kann, um mich weniger fremd zu fühlen. Ein Stück weiter die Straße herunter höre ich plötzlich „Despacito“ – und freue mich. Der Xylophonspieler, dem ich in diesem Jahr so oft zugehört habe, ist wieder da. Und macht diesen grauen November-Lockdown-Tag mit ein bisschen Musik ein Stückchen schöner. Ich stelle mich an den Straßenrand und höre ein wenig zu. Als er schließlich seine Sachen zusammenpackt, werfe ich eine Münze in seine Schale und gehe weiter. Ein paar Meter weiter sitzt ein Obdachloser mit seinen Sachen auf einer Decke auf dem Boden. Ich gebe auch ihm einige Münzen.

Auf dem Markt herrscht inzwischen reges Treiben. Es ist, wie immer freitags, Wochenmarkt. Ich gehe die Hainstraße hinunter und hole mir in meinem Lieblingsrestaurant eine Bowl. Auch hier sind Tische und Stühle zusammengestellt und abgesperrt. Vor einer Woche habe ich beim Aufgeben der Bestellung noch aus alter Gewohnheit „zum Mitnehmen“ gesagt. Auf dem Platz vor den Höfen am Brühl steht ein Mann mit einem Plakat, auf dem irgendwas mit Jesus steht, genau kann ich es nicht erkennen. Er redet unablässig und auf Englisch mit lauter Stimme über Jesus, Gott und Sünder. Maske trägt er keine.

Ich muss zurück zum S-Bahnhof, meine Bahn kommt bald. In der Hainstraße ist es jetzt richtig voll. Als ich mit der Rolltreppe in den Bahnhof hinunterfahre, fällt mein Blick auf den 21 Meter hohen Weihnachtsbaum mit seinen vielen Kugeln, der jetzt den Marktplatz schmückt. Ein kleiner Ersatz für den Weihnachtsmarkt, der in diesem Jahr ausfällt.

3 Kommentare zu „Ein Tag im November 2020

  1. Liebe Christiana, ich fühlte mich beim Lesen mit auf Deinem Spaziergang 🌲🌼…sehr schön…
    ja traurig mit dem Cafè – aber das kommt auch bald wieder …. schön das Du Deine vertrauten Wege gegangen bist…das tut gut oder? Ich wünsche Dir eine schöne 1.Adventswoche 🤗

    Gefällt 1 Person

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