Machs gut, 2020

Anfang des Jahres schrieb ich in einem Blogpost, dass ich in diesem Jahr vorhabe, mehr echtes Leben zu leben. Nachdem 2018 und 2019 für mich sehr schwierig und von Verlusten bzw. deren Bewältigung geprägt waren, hatte ich endlich wieder ein Gefühl von Lebenslust und Motivation. Der Anfang des Jahres ließ sich auch sehr gut an … ich hatte in Leipzig erstmals ein bisschen ein Zuhause-Gefühl, war dabei, mich mehr und mehr einzuleben. Ich meldete mich in einem Fitnessstudio an, entdeckte ein nettes Café um die Ecke, in das ich regelmäßig, oft auch mit Flores, ging. Ich traf meine Schwestern, einfach so auf einen Kaffee oder zum Essen, was bisher aufgrund der unterschiedlichen Städte nicht möglich gewesen war. Ich lernte nach und nach Menschen kennen. Ich fühlte mich wohl. Von Winterdepression in diesem Jahr keine Spur, ich hatte so viel zu tun, dass sich selten trübe Gedanken, wie ich sie sonst aus den Wintermonaten kenne, einstellten.

Am Rhein in Bonn an Karneval

Und dann, im März, kam Corona. Und mit all den Bestimmungen und Einschränkungen und der ganzen unsicheren Situation kamen meine Angstzustände zurück. Einfach mal einkaufen wie sonst auch beim Rewe? Keine Chance, das ohne Angst zu tun. Ich tat mich schwer mit dem Frühjahrs-Lockdown und insbesondere mit der Ausgangssperre. Klingt seltsam, aber irgendwie hatte ich während dieser Zeit oft Angst, draußen etwas falsch zu machen. Man durfte sich ja draußen nichtmal auf einer Bank niederlassen. Und am See patroullierte das Ordnungsamt. Nach und nach wurden die Bestimmungen gelockert, ich freute mich, dass man sich im Café um die Ecke zumindest Kuchen holen konnte und tat das regelmäßig. Noch mehr freute ich mich, als ich dann endlich wieder in meinem Lieblingscafé sitzen und in meinem Lieblingsbuchladen stöbern konnte. Auch die Kontaktbeschränkungen machten mir zu schaffen. Ich konnte meine jüngste Schwester an ihrem Geburtstag im April nicht lange besuchen. Unser Treffen beschränkte sich auf das Überreichen von Geschenken und einem Geburtstagskuchen mit Abstand auf dem Innenhof eines Leipziger Mehrfamilienhauses. Und die Feier zum 70. Geburtstag meines Vaters fiel ebenfalls aus.

Das Café um die Ecke in Leipzig-Leutzsch

Dann kam der Sommer und irgendwie kehrte so etwas wie Normalität ein, naja, fast zumindest. Maske und Abstand halten waren immer noch an der Tagesordnung … aber eben auch Zeit am See, SUP, Sonne genießen, wandern, im Café draußen sitzen und im neu entdeckten Leipziger Eisladen leckeres Eis essen. Das alles nicht ganz unbeschwert, sondern neben den Umzugsvorbereitungen. Und dann hieß es „Machs gut, Leipzig“ und „Hallo Halle“. (Ich kann es wirklich niemandem empfehlen, nach einem Jahr schon wieder umzuziehen, vor allem nicht in eine Stadt, die man nicht kennt und in der man niemanden kennt. Und vor allem nicht zu Pandemiezeiten.) Im September ging es in den Urlaub auf meine geliebte Insel Usedom. Ich war sehr happy über diese 2-wöchige Auszeit, die ich dringend nötig hatte und erholte mich hervorragend.

Urlaubsauszeit auf Usedom – die Terrassennachmittage waren ein Traum

Zurück am neuen Wohnort machte ich mich an die Erkundung desselben. Ich fuhr regelmäßig nach Leipzig und begann, mir meinen neuen Alltag einzurichten. Ich besuchte meine Eltern, die mehrere Hundert Kilometer entfernt leben. Leider dauerte es nicht lange und der zweite Lockdown (light) stand vor der Tür. Und wieder ging es abwärts mit meiner Stimmung und Angst und Unruhe traten wieder vermehrt auf den Plan. Es folgte ein arbeitsarmer Monat November (April und Mai waren ähnlich), in dem ich begann, mir ernsthafte Sorgen um meine Arbeitssituation zu machen. Im Dezember ging es wieder ein wenig aufwärts. Mein Weihnachten verlief dann ganz anders als geplant, ohne Verreisen und Besuche. Aber: ich war nicht so traurig, wie ich erwartet hatte, sondern habe mich mit meinen Ersatzaktivitäten sogar ziemlich gut erholt, auch wenn ich natürlich meine Familie vermisst habe.

Iced Chai Latte und Schreiben im Café im Sommer

Es war ein schwieriges Jahr. Mit vielen Einschränkungen, Unsicherheit, Angst. Ich war so viel alleine wie sonst wohl noch nie, ich habe meine Familie, die überall im Land verstreut lebt, so wenig wie noch nie gesehen. Meine Lieblingstante ist Anfang Dezember verstorben, ohne, dass ich sie noch einmal gesehen hatte. Und ich hatte gedacht, wir hätten noch so viel Zeit.

Ich habe mich erst in Leipzig und dann hier oft einsam gefühlt. Corona hat bei meinem Einleben und langsam Wurzeln schlagen hier am neuen Wohnort die Pausetaste gedrückt. Die neue Stadt ist mir nach wie vor fremd. Ich habe in diesem Jahr Konzerte und Live-Musik so sehr vermisst. Ich war oft wütend. Über die Wohnsituation und einige der Nachbarn in Leipzig, sodass wieder ein Umzug erforderlich wurde. Auf die Menschen, die einfach nicht verstehen woll(t)en, dass es wichtig ist, sich in einer solchen Situation, wie wir sie jetzt haben, rücksichtsvoll zu verhalten. Die sich stattdessen darüber lustig machen, wenn man versucht, sich möglichst rücksichtsvoll zu verhalten und sich einschränkt. Die ohne Rücksicht auf Verluste gehamstert haben oder unbedingt Party machen mussten. Die egoistisch nur an ihre eigenen Bedürfnisse gedacht haben und nicht daran, dass Existenzen durch ihr Verhalten kaputtgehen. Die in den sozielen Medien mit hämischen und aggressiven Kommentaren nur so um sich geworfen haben, ohne daran zu denken, dass sie damit anderen Menschen wehtun. Wütend war ich auch auf Menschen, die einfach ihren Müll in die Natur werfen (ich weiß nicht mehr, wie oft ich solche Müllecken in diesem Jahr gesehen habe und wie oft ich den Müll dann selbst weggeräumt habe). Ja, da war eine Menge Wut bei mir in diesem Jahr. Und Erschöpfung. Und Sorge. Mein Menschenbild hat in diesem Jahr sehr gelitten. Gerade in Bezug darauf hat mir die Weihnachtspause mehr als gut getan. Ich habe Abstand gewonnen zu all den negativen Dingen. Und durch das viele Draußensein an den Weihnachtstagen und kaum Nachrichten/Social-Media-Konsum ist mein Stresspegel deutlich gesunken.

Zu jeder Jahreszeit schön: der Schladitzer See

Durch den Abstand haben sich die Dinge wieder ein wenig relativiert. Ich sehe gerade wieder viele Dinge, die in diesem Jahr trotz allem positiv waren und für die ich dankbar bin. Dafür, dass ich in diesem Jahr das Wandern für mich (wieder)entdeckt habe. Ich habe mich getraut, alleine mit Flores loszuziehen und neue Ecken zu erkunden. Das hat mir so vieles gegeben: mehr Selbstbewusstsein, mehr Bewusstsein für die Natur, mehr Ruhe in meinem Kopf. Ich habe festgestellt, wie viel Spaß es macht, die unmittelbare Umgebung zu erkunden. Ich bin dankbar, dass sowohl mein kaputter Fuß als auch mein kaputtes Knie die meiste Zeit so gut mitgemacht haben und ich in diesem Jahr viel weniger Schmerzen hatte, als in den letzten Jahren. Ich bin dankbar, dass ich in diesem Jahr körperlich gesund war. Ich habe ziemlich oft meine Angst überwunden. Flores und ich sind (trotz einiger immer noch bestehender Baustellen) ein richtig gutes Team geworden und es macht mir viel Spaß, mit ihr zu arbeiten. Wir haben uns gegenseitig ins Herz geschlossen. Das Alleinebleiben klappt nach einem Jahr des Trainings und häufiger Verzweiflungsanfälle meinerseits inzwischen problemlos. Ich hatte im September eine wunderschöne Zeit an der Ostsee, in der ich die meiste Zeit des Tages draußen verbracht habe und gemerkt habe, wie wahnsinnig gut mir das tut. Ich habe in den knapp 4 Monaten hier einige nette Menschen (Nachbarn und Hundebesitzer) kennengelernt und Flores hat neue Hundefreunde gefunden. Ich habe viel Kleidung ausgemistet und verkauft/verschenkt/gespendet. Ich habe Yoga über Zoom ausprobiert. Ich habe über Postcrossing Postkarten aus Belgien, den USA, Russland und von den Philippinen bekommen und selbst welche versendet. Ich war nach 10 Monaten (coronabedingt) endlich wieder bei meinem Friseur in Berlin – und selten so glücklich darüber. Ich habe liebe Weihnachtsbriefe bekommen von Menschen, von denen ich es nicht erwartet hätte. Ich habe im Lockdown festgestellt, dass Dinge wie sich am Drive-In von McDonalds einen Burger zu holen und den dann auf einem Parkplatz in der Nähe zu essen, richtig viel Spaß machen und sich wie ein kleines Abenteuer anfühlen kann. Auch wenn dieses Jahr schwierig war und so viele unschöne Veränderungen mit sich gebracht hat – ich bin im Nachhinein erstaunt, wie vieles ich in diesem Jahr entdeckt und herausgefunden habe, was ich sonst vermutlich nicht entdeckt hätte. Ich habe gelernt, dass ich zwar anfangs Probleme mit einer Veränderung habe und Zeit brauche, um damit klar zu kommen, aber dass ich mich dann grundsätzlich gut mit der neuen Situation arrangieren kann.

In diesem Jahr Standard: mit Maske in der S-Bahn

Richtige Vorsätze fürs neue Jahr habe ich keine. Ein paar Dinge würde ich aber trotzdem gerne umsetzen: Ich würde gerne die 10 kg wieder abnehmen, die ich mir in diesem Jahr angefuttert habe, indem ich die vielen schlechten Gefühle mit Essen bekämpft habe. Ich will generell versuchen, schlechte Gefühle und Frust weder mit Essen noch mit Internetkonsum oder irgendeiner anderen Ablenkung zu bekämpfen, sondern vielmehr zu schauen, wo diese Gefühle herkommen und was ich ggf. tun kann. Ich will generell weniger im Internet unterwegs sein, weil mir vieles, was ich lese (gerade in den sozialen Medien oder auf Nachrichtenkanälen) einfach nicht gut tut. Ich will weniger arbeiten und mir mehr Raum für mich selbst und die Dinge, die mir Spaß machen und die ich als sinnvoll ansehe, schaffen. Ich will gerne aktiv helfen, Tieren oder Menschen (im Sinne meiner Tante, die da wirklich ein Vorbild für mich war) und werde mich da nach Möglichkeiten umsehen. Ich will versuchen, mehr loszulassen – in dem Sinne, dass ich Dinge sein lasse, die gerade nicht zu ändern sind (ich habe mich in diesem Jahr viel zu oft geärgert – meistens über die Rücksichtslosigkeit und die Ignoranz vieler Menschen, was mir gar nicht gut getan hat) und mich einfach um meine Sachen kümmere. Gelassenheit lernen ist tatsächlich eine der schwierigsten Aufgaben für mich. Ich will ganz viel wandern und weiterhin neue Ecken hier in meiner Umgebung und auch weiter weg (wenn das wieder möglich ist) entdecken. Ich will zum ersten Mal in einem Zelt in der Wildnis übernachten. Ich will generell hin und wieder meine Komfortzone verlassen. Ich würde gerne wieder nach Berlin fahren und Zeit in meinen Lieblingscafés dort verbringen. Ich würde gerne wieder mehr Zeit mit lieben Menschen verbringen. Ich will wieder dankbarer sein für das, was ich habe und mich nicht mehr von der ständigen Meckerei einiger Menschen in meinem Umfeld anstecken lassen. Ich will kein Kummerkasten mehr sein für Menschen, die sich nur bei mir melden, um mir ihr Leid zu klagen, aber nicht für mich da sind, wenn es mir nicht gut geht. Ich will gerne noch mehr Dinge loswerden und minimalistischer leben. Damit habe ich in diesem Jahr angefangen und es hat sich gut angefühlt. Ich will versuchen, wieder mehr bei mir zu bleiben.

Schladitzer See im Sommer

Ich danke euch, die ihr in diesem Jahr all meine Blogposts gelesen habt, für eure lieben Kommentare, Aufmunterungen, Gedankenanstöße. Kommt gut ins neue Jahr! Für 2021 wünsche ich euch alles erdenklich Liebe und Gute und natürlich viel Gesundheit!

Neu entdeckt: eine Wiese im Dieskauer Park
Flores und ich
Unersetzbar: mein Lieblingswald in Wandlitz im Dezember

2 Kommentare zu „Machs gut, 2020

  1. Mehr Leben leben…ist eine schöne Idee…und ja nur der Kummerkasten zu sein, das hast Du nicht verdient….also wirf Dich rein ins Leben…10 kg hätte ich auch gerne weniger …aber Hauptsache leben…und sich wohl in dem eigenen Leben fühlen….weniger arbeiten ist klasse…das mache ich auch, seit ich hier in Norddeutschland lebe…das is phantastisch. So bekommt „Achtsamkeit“ für mich eine ganz neue Bedeutung…ich wünsche Dir dasselbe…
    ich wünsche Dir einen ganz tollen Start in das neue Jahr 2021….bleib gesund und bleib neugierig auf das Leben …liebe Grüße Wirbelwind 🌼🎈☘

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