Fastenzeit und Social Media-Verzicht

Heute ist Aschermittwoch. Und damit beginnt die Fastenzeit. Ich bin in einem streng katholischen Haushalt aufgewachsen – da hatte das Verzichten in der Fastenzeit Tradition. Damals war es bei uns Standard, auf Süßigkeiten zu verzichten (von denen wir ohnehin sonst auch nicht gerade viele bekamen). Das hat meistens am in den ersten Tagen der Fastenzeit nicht so gut funktioniert, weil wir ja an den Tagen vor Aschermittwoch recht viele Süßigkeiten bekommen hatten und auf die natürlich nicht gleich wieder verzichten wollten.

In den letzten Jahren habe ich immer wieder versucht, auf etwas Bestimmtes zu verzichten. Das waren mal die besagten Süßigkeiten (was auch später nicht so gut klappte), im vorletzten Jahr der Verzicht aufs Klamottenshoppen und letztes Jahr der Verzicht auf Whatsapp. Der Verzicht aufs Klamottenshoppen hat gut funktioniert und ich habe mich richtig gefreut, als ich nach Ostern mal wieder shoppen war (das war vorher nicht der Fall, da habe ich öfter etwas gekauft, was ich eigentlich gar nicht brauchte). Der WhatsApp-Verzicht hat auch ziemlich gut funktioniert. Am Anfang war es seltsam, aber nach einiger Zeit bin ich gut damit klargekommen und habe es nicht mehr vermisst.

Für diese Fastenzeit standen zur Auswahl: wieder Verzicht auf Süßigkeiten (+ industriellen Zucker) oder Verzicht auf Social Media. Der Verzicht auf Süßkram wäre aus abnehmtechnischen Gründen nicht das Schlechteste. Allerdings habe ich meinen Zuckerkonsum ohnehin schon reduziert. Und der Verzicht auf Social Media erschien mir weitaus dringender. Gerade während des Lockdowns hat mein Social Media-Konsum doch ziemlich zugenommen (davor war er aber auch nicht gerade niedrig). Ich fühle mich schlecht, die Angst hat mich mal wieder im Griff? OK, dann schnell mit Social Media ablenken und auf andere Gedanken kommen. Funktioniert super. Die Arbeit langweilt mich gerade oder ich komme nicht weiter? OK, dann checke ich doch mal schnell die Timeline von Facebook oder scrolle mich durch den Instagram-Feed (dann bin ich leider meistens irgendwo hängengeblieben, war aus meiner Arbeitsaufgabe raus und musste mich wieder komplett neu eindenken – was natürlich viel Zeit und Energie gekostet und meine Arbeitszeit verlänger hat). Mir ist gerade langweilig, ich bin aber zu erschöpft, um etwas Produktives zu machen? Kein Problem, wozu gibts Facebook und Instagram? Dumm nur, dass die Erschöpfung durch den Social Media-Konsum nicht weniger wurde, sondern mehr. In meinem Kopf sind nicht mehr nur meine eigenen Probleme, sondern sämtliche Probleme anderer Menschen, die ich nichtmal kenne (wenn man wie ich hochsensibel ist, sich nicht gut abgrenzen kann und bei jedem Problem mitfühlt, das andere Menschen haben, ist das kein Spaß). Ich schlafe schlecht. Ich fühle mich schlecht, wenn ich die ständigen schlechten Nachrichten bei Facebook lese. Vor allem aber auch die oft fiesen oder aggressiven Kommentare unter Posts bei Facebook oder bei Instagram. Wenn man dank Lockdown kaum mehr unter Menschen kommt, könnte man meinen, es gibt nur noch unfreundliche und missgünstige Menschen auf der Welt, die Hass verbreiten wollen. Oder auch Belehrungen. Darüber, über welche überaus wichtigen Themen man sich doch bitte alles informieren soll (sonst ist man nämlich nicht perfekt und eigentlich sogar ein schlechter Mensch, weil man ja unbedacht Menschen verletzen könnte). Ach, und natürlich gaaaaanz viel Selbstliebe praktizieren. Jeden Tag. Und sich ständig Ziele setzen, weil man ja nicht immer an der gleichen Stelle stehen bleiben kann. Nein, verdammt! Da schwirrt einem ja der Kopf. (Es ist offensichtlich an der Zeit, sich wieder auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Heißt: auf mich und meine kleine Welt. Da habe ich nämlich eigentlich schon genug zu tun.)

Und dann sind da noch: Reels (so bescheuert teilweise, dass ich beim Anschauen nur noch mit dem Kopf schütteln kann – auf die kann ich besonders gut verzichten), perfekte Wohnungen (ich habe keine solche), perfekte Minimalisten, perfekte Hundehalter (die natürlich niemals einen Fehler machen und über alle, die das tun, veständnislos den Kopf schütteln und diese am besten noch der Tierquälerei bezichtigen). Natürlich sind Facebook/Instagram nicht nur schlecht. Ohne Facebook wäre ich mit einigen Menschen nicht mehr in Kontakt. Ohne Facebook wäre ich auf so einiges nicht aufmerksam geworden und hätte viele Informationen nicht bekommen. Ohne Instagram hätte ich viele, viele tolle Landschaftsfotos nicht gesehen und wäre nicht inspiriert worden. Ich wäre nie auf diese tolle Hundetrainerin aus Kanada aufmerksam geworden, deren Stories ich mir immer noch sehr gerne anschaue – weil sie mich nicht runterziehen, sondern mich erfreuen und weil ich daraus etwas für mich mitnehmen kann. Nichtsdestotrotz werde ich in den Wochen bis Ostern auf all das verzichten. Ich werde mehr Bücher lesen. Und am Wochenende die ZEIT, die ich jetzt in Papierform abonniert habe. Das Lesen von qualitativ hochwertigen Texten kommt dann sicher auch meiner Arbeit zugute. Ansonsten will ich versuchen, mich ohne Ablenkung auf meine Arbeit zu konzentrieren und mich in meiner freien Zeit mehr meinen Hobbies zu widmen. Ich bin gespannt auf die nächsten Wochen – und was dieser Verzicht mir mir macht.

4 Kommentare zu „Fastenzeit und Social Media-Verzicht

  1. Die ZEIT in Papierform ist mir inzwischen auch zu umständlich zum lesen….weil das Format zu groß und unhandlich ist…und es erschlägt mich mit der Fülle an Texten….ich lese inzwischen online…da kann ich auch im Liegen lesen und alle Artikel dann, wenn ich Zeit habe….z.B. in der Mittagspause im Büro… 🙂
    Ich wünsche Dir ganz viel Erfolg beim SocialMedia Fasten (hättest Du es nicht geschrieben – ich hätte es in diesem Jahr glatt vergessen…also zumindest darüber nachzudenken)…..für mich ist gerade Whatsapp unverzichtbar….weil es meine letzte Sicherheit-/Halteleine zu Familie, Freunden und Bekannte ist, die ja alle sehr weit wegsind, …gerade jetzt im Lockdown. Andere SocialMedia-Kanäle nutze ich eh nicht.

    Ich wünsche Dir viel Freude und ganz viel Zufriedenheit 🤗🎈

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    1. Ich wollte halt ein bisschen weg von dem vielen Online-Sein (ich bin jobbedingt den ganzen Tag online und brauche da echt einen Ausgleich) und ich lese Zeitungen ganz gerne analog und Bücher unbedingt analog. Ich mag es einfach, Seiten umblättern zu können etc. Kann es aber auch verstehen, wenn jemand lieber digital liest.
      Danke 😉 Meine Familie/Freunde wohnen auch weiter weg bzw. die, die in der Nachbarstadt wohnen habe ich durch den Lockdown jetzt auch schon länger nicht mehr gesehen. Wenn wir bei Whatsapp schreiben, dann werden die Dialoge länger und länger und ich finde es sehr anstrengend, auf dem Smartphone längere Texte zu schreiben. Ich bin da eher altmodisch – ich telefoniere lieber als dass ich schreibe 🙂

      Danke, das wünsche ich dir auch 🙂

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