Fehl am Platz

So fühle ich mich hier gerade die meiste Zeit über. Eigentlich hatte ich gedacht, dass der Umzug an den Rand dieser Stadt mit H eine gute Idee sei. Ich wollte so grün wie möglich wohnen und Leipzig ist ja auch nur einen Katzensprung entfernt. Jetzt, nach 7 Monaten hier, habe ich das Gefühl, dass ich hier falsch bin. Vielleicht liegt es an den fehlenden Kontakten? In der Vergangenheit habe ich mich meistens an neuen Wohnorten erst angekommen gefühlt, wenn ich Menschen kannte, „connected“ war. Hier fühle ich mich meistens „disconnected“ (um es mal mit den Worten von Leon Logothetis aus „Um die Welt ohne Geld“ auszudrücken). Ich würde mich vielleicht etwas weniger „disconnected“ fühlen, wenn die Menschen hier allgemein freundlicher wären und man nicht, wie zumindest in diesem Ortsteil, meistens nur komisch angeschaut werden würde (manchmal wird noch nicht einmal zurückgegrüßt). Dabei gibt es ja eigentlich schon kleine Fortschritte. Ich kenne in dem Park, in dem ich immer mit Flores unterwegs bin, inzwischen die meisten anderen Hundebesitzer/-innen, die um die gleiche Uhrzeit ihre Morgenrunde drehen.

Ansonsten ist es ja aufgrund von Corona gerade eher schwierig, neue Menschen kennenzulernen. Und ich brauche ohnehin dann auch immer noch eine Weile, bis mir Menschen vertraut sind … vom Kennenlernen einer Person bis zu einer Freundschaft mit dieser ist es bei mir ein sehr, sehr langer Weg. Also: Ich fühle mich gerade oft einsam. Zum einen, weil ich eben wie gesagt hier vor Ort zwar inzwischen einige Hundebesitzer kenne (eher oberflächlich natürlich), ansonsten aber kaum jemanden. Mir fehlt gerade dieses „zu jemandem eine richtige Verbindung haben“ sehr. Und in diesem Zusammenhang ist mir aufgefallen, dass ich nur noch zu extrem wenigen Menschen eine richtige Verbindung habe. Das ist wohl hauptsächlich den Umzügen geschuldet, beginnende oder auch längere und durchaus gute Freundschaften haben diese Veränderungen über die Jahre letztendlich nicht überlebt. Ja, es gibt noch ein paar Kontakte aus den jeweiligen vorherigen Wohnorten … allerdings haben die sich leider sehr reduziert und grundsätzlich auch auseinanderentwickelt. Es ist oberflächlich geworden. Jeder lebt sein eigenes Leben. Das ist vollkommen normal, denke ich (auch wenn ich es natürlich sehr schade finde).

Nun kann man sich ja aufgrund weniger Kontakte einsam fühlen, aber eben auch, wenn da zwar Menschen sind, man aber mit diesen nicht wirklich viel gemeinsam hat bzw. diese einen nicht verstehen. Bei mir treffen beide Dinge zu. Ich habe ja auch noch eine Familie, Eltern, Geschwister, andere Verwandte … ich habe mir das lange schöngeredet, aber gerade jetzt in Pandemiezeiten haben sich einige Dinge herauskristallisiert, die ich länger nicht wahrhaben wollte. Meine Familie besteht hauptsächlich aus distanzierten Menschen, denen der Kontakt zu anderen Familienmitgliedern nicht soooo wichtig ist, d. h. man hört selten etwas von den anderen (bis auf eine meiner Schwestern, mit der ich regelmäßigen und engeren Kontakt habe). Wenn ich meine Eltern nicht anrufe, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich wochenlang nichts höre. Ich (als das gefühlsbetonte Alien) habe mir das immer anders gewünscht. Vor allem, dass das Verhältnis ein bisschen wärmer und herzlicher und interessierter wäre. Aber: es ist eher unwahrscheinlich, dass Menschen sich ändern. Man muss es leider lernen, zu akzeptieren, damit umzugehen und für sich das Beste aus der Situation machen.

Ein bisschen habe ich das heute gemacht. Ich war wieder in Leipzig – und obwohl ich alleine unterwegs war, habe ich mich heute nicht einsam und auch nicht fehl am Platz gefühlt. Ich habe ein paar Worte mit der netten Bedienung in meinem Lieblingscafé gewechselt, trotz Maske sichtbare Lächeln bekommen und selbst verteilt und bei den Höfen am Brühl sehr freundlich die Tür aufgehalten bekommen. Viele kleine Dinge, die meinen Tag verschönert haben. Und als ich dann so auf dem Marktplatz stand, zwischen all den Pflanzenständen, wusste ich, wonach ich in Zukunft Ausschau halten werde: Menschen, die warmherzig und offen sind, die nicht schreiend davonlaufen, wenn ich über Gefühle spreche, die sich auch für das Gegenüber interessieren und nicht nur für sich selbst, die ähnliche Interessen wie ich haben, über die man sich austauschen kann. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es da draußen genau solche Menschen gibt.

Ein Kommentar zu „Fehl am Platz

  1. Ja Familien sind leider auch nicht immer ein Hort der Geborgenheit 😢 und da hilft es nur, das zu akzeptieren auch wenn es weh tut…das kenne ich auch nur zu gut. Wenn man aber eine Person hat mit der man sein Innerstes teilen kann, dann ist man schon gar nicht mehr so alleine…und Deine Schwester scheint diese Person für Dich zu sein….das ist toll und wichtig.

    Dein Foto mit dem Schmetterling ist so sehr Frühling ….das strahlt viel Freude und Hoffnung aus….in einer neuen Umgebung anzukommen ist auch ohne Corona schon schwierig genug….und mit geradezu unmöglich….obwohl ich Deine Gassi-Geh-Kontakte als guten Anfang wahrnehme 🙂

    Ich bin hier nach 1,5 Jahren in meiner norddeutschen Provinz zwar angekommen und fühle mich pudelwohl, aber auch bei mir gibt es Vorort keine Menschen, die ich schon eng in mein Leben gelassen habe., außer ein paar Kollegen…aber eben nichts, um mal etwas zu unternehmen..
    Aber ich habe einen „Notfall-Plan“….sollte ich beginnen mich einsam zu fühlen, dann gibt es hier eine Menge Organisationen die immer nach helfenden Händen suchen …Vereine AWO, ASB, Die Tafel nur als Beispiel… Dort kann man ganz unkompliziert mit Menschen in Kontakt kommen ohne sich komisch zu fühlen, sich einem Verein anzuschließen hat mir auch früher schon gut geholfen an einem neuen Wohnort nette Leute kennen zu lernen…allerdings lange bevor die Corona-Pandemie das sportliche Vereins-Leben ausgebremst hat.

    Ich bin überzeugt Du findest Deinen Weg… ob In H. oder in Leipzig….überall gibt es nette Menschen… Halte Dein Herz offen und pass auf Dich auf 🌼🤗 Liebe Grüße 🙋‍♀️

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