Über das Freundlichsein

Vor einer Weile habe ich auf Netflix eine Serie angeschaut, die mich sehr berührt und beeindruckt hat: „Um die Welt ohne Geld (The Kindness Diaries)“ mit Leon Logothetis. Leon reist darin in seinem gelben VW Käfer von Alaska nach Argentinien – und zwar ohne Geld. Er vertraut auf die Freundlichkeit der Menschen – dass diese ihm Essen, eine Unterkunft und Benzin für sein Auto zur Verfügung stellen. Und er trifft immer wieder auf Menschen mit einem großen Herzen, die ihm gerne helfen. Zum Beispiel im Yukon auf Jon, der andere unterstützt und ihnen ins Leben zurückhilft, obwohl er selbst schwer an Krebs erkrankt ist. Oder Rina aus Ecuador, die eine Tierschutzorganisation unterstützt und 35 Hunde aufgenommen hat. Sie hatte einige schwere Schicksalschläge erlitten und aufgrunddessen beschlossen, Straßenhunden zu helfen. Oder eine Familie aus Mexiko, die Leon eine Unterkunft und Essen anboten, obwohl sie selbst nur wenig hatten und in einem beschädigten Haus lebten. Oder Christopher, der Fischer aus Peru, der in einer kleinen Hütte ohne Strom lebte. Überhaupt waren es diejenigen, die am wenigsten hatten, die Leon sofort ihre Hilfe anboten. Etwas, was ich besonders berührend fand.

Leons Botschaft ist es, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und denjenigen zu helfen, die Hilfe benötigen. Sei es mit materiellen Dingen, einem Lächeln oder freundlichen Worten. Ich finde, in einer Welt, in der der Ton zusehends rauer wird, in der viele nur noch sich selbst sehen, zunehmend rücksichtsloser agiert und Respekt gegenüber anderen zum Fremdwort wird, ist das dringend nötig. Und ich versuche, das in meinem Alltag umzusetzen. Auch und gerade dann, wenn ich mich manchmal angesichts der herrschenden Kälte (so empfinde ich es) ziemlich mutlos fühle. In der letzten Woche war das zum Beispiel der Fall. Ich hatte wieder so einige Erlebnisse, die mich an der Welt (ver)zweifeln ließen. Und gerade dann freue ich mich besonders darüber, wenn mir Freundlichkeit entgegengebracht wird. Ein freundliches Lächeln. Ein paar nette Worte. So wie z. B. heute, als mich beim Denn’s die Frau, die in der Kassenschlange vor mir stand, vorließ, weil ich nur so wenige Sachen hatte.

Als ich heute an der Leipziger Uni vorbeikam, saß da ein älterer Mann am Rand der Grimmaischen Straße auf dem Boden und bat um Spenden. Es war kühl und windig und ich dachte, dass ihm ziemlich kalt sein muss. Also ging ich zu ihm (kleine Überwindung – ich spreche eher ungern fremde Menschen an) und fragte ihn, ob er einen Kaffee möchte. Er wollte einen Tee. Ich ging also zum Bäcker gegenüber, kaufte bei der leider sehr unfreundlichen Verkäuferin einen Tee und ein Sandwich und brachte es ihm. Er freute sich sichtlich. Ich habe so etwas schon häufiger gemacht – und freue mich auch immer darüber, wenn ich sehe, dass andere auch helfen. Einmal fuhr ich in Berlin mit der U-Bahn, als ein Obdachloser mit seinem Hund durch den Gang kam und um etwas Geld bat. Die Sitzbank, auf der ich saß und die gegenüber waren komplett besetzt – und erstaunlicherweise gaben fast alle, die in dieser Sitzgruppe saßen, dem Mann ein wenig Geld. Ich hörte noch, wie der Mann erfreut zu seinem Hund sagte: „Schau mal, jetzt können wir uns was zum Mittagessen kaufen.“ Wir, die Menschen in einer Sitzgruppe in einer Berliner U-Bahn, die einander nicht kannten, lächelten uns zu. Und plötzlich war da nicht mehr das Gefühl einer kalten und anonymen Großstadt, sondern das warme Gefühl von Gemeinschaft, das mich irgendwie glücklich machte. An dieses und an verschiedene andere Erlebnisse dieser Art denke ich, wenn ich mal wieder das Gefühl habe, dass ausschließlich rücksichtslose Menschen unterwegs sind. Weil es sie eben doch noch gibt: die Menschen, die auf andere achten und helfen, wenn Hilfe benötigt wird. Und damit den Tag eines anderen Menschen ein wenig verschönern. Wir brauchen unbedingt mehr davon.

2 Kommentare zu „Über das Freundlichsein

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