Wohnortgedanken

Ich stehe vor dem großen Mehrfamilienhaus in Leipzig-Gohlis, in dem ich mir gleich eine Wohnung ansehen werde. Es ist warm. Die letzten Blätter an den Linden am Straßenrand leuchten in der Oktobersonne. Es ist erstaunlich ruhig. Immer mal wieder ein paar Menschen, hier und da fährt ein Auto vorbei. Ich fühle mich auf Anhieb wohl. Vielleicht, weil die Straße mich ein bisschen an die Straße mit meinem Lieblingscafe in Berlin-Prenzlauer Berg erinnert, in dem ich an Sommertagen immer so gerne auf der Terrasse gesessen habe.

Etwas später habe ich die Treppen bis zur 5. Etage überwunden und mir einen Eindruck von der Wohnung verschafft. Sie ist insgesamt ganz nett, die Aufteilung ist ein wenig seltsam – und 5 Etagen jeden Tag 3 Mal mit Flores hoch und runter, da weiß ich noch nicht, wie mein lädiertes Knie das finden würde. Die Umgebung ist ziemlich städtisch, der nächste Park bzw. das Rosental oder der Auwald sind ein ganzes Stück weit weg. Und Flores in der Großstadt hatten wir ja schonmal ein Jahr lang … das kann auf jeden Fall sehr anstrengend werden. Ich müsste dann viel mehr managen als hier, wo wir nur wenigen Menschen begegnen. Andererseits: die Wohnung hat eine riesige Dachterrasse, auf der ich mich gärtnerisch definitiv ausleben und mir eine grüne Oase schaffen könnte. Die Anbindung ist sehr gut, bis zur Straßenbahn sind es gerade mal 3 Minuten, in 20 Minuten ist man in der Innenstadt. Und natürlich hat man einen gewissen Großstadtlärmpegel, aber am Rand von Halle, wo ich aktuell noch wohne, ist es mit Fluglärm, Bundesstraße und Motocross direkt um die Ecke deutlich lauter.

Ich hätte in der Stadt einfach so viel mehr Möglichkeiten. Ich könnte mir wieder ein Büro bzw. mir einen Platz in einem Shared Office suchen. Ich könnte mit Flores endlich Hundesport machen. Die Chance, auf Menschen zu treffen, mit denen ich etwas anfangen kann (und sie mit mir) sind in der Stadt deutlich höher. Ich merke in der letzten Zeit immer mehr, dass ich irgendwie nicht an diesen Ort passe, an dem ich wohne. Ich bin einfach mehr Offenheit für andere(s), mehr Toleranz und mehr Freundlichkeit gewöhnt. Natürlich gibt es auch nette und aufgeschlossene Menschen – aber ich merke oft, wie ich auf Grenzen stoße. Wahrscheinlich ist man einfach die Summe seiner Erfahrungen. Und wenn man sein ganzes Leben an einem Ort verbracht hat, konnte man seinen Horizont vermutlich nur begrenzt erweitern. Das ist ja auch nicht schlimm – nur passt das eben für mich so nicht. Neulich habe ich mit einer Bekannten darüber gesprochen, die ursprünglich aus Berlin kommt, in verschiedenen Landesteilen gelebt hat und jetzt im Harz ansässig ist. Ihre Erfahrungen deckten sich da mit meinen. Und wenn man so gut wie niemanden hat, mit dem man sich über Dinge unterhalten kann, die einen interessieren oder Erfahrungen austauschen kann, dann kann man sich schon ziemlich einsam fühlen. Ich denke, in Leipzig wäre das ein bisschen anders. Dort gibt es viele Zugezogene und generell herrscht in der Stadt eher eine Atmosphäre von Offenheit und Toleranz.

Und dann wäre da noch Berlin und meine immer wiederkehrenden Gedanken, wieder dorthin zurückzugehen. Ich bin zwar jetzt schon einige Zeit da weg, aber ich habe meine Zeit dort und alles, was ich dort erlebt habe, nicht vergessen. Berlin ist für mich einfach besonders und einzigartig – in vielerlei Hinsicht. Nirgendwo habe ich mich freier und wohler gefühlt. In Berlin habe ich mich an viele Dinge herangetraut, vor denen ich vorher Angst hatte. Ich habe mich dort weiterentwickelt. Wenn ich an die Zeit dort zurückdenke, dann spüre ich dieses Gefühl von damals wieder.

Ich denke also, mein nächster Wohnort wird Leipzig oder Berlin (oder dessen Umland) sein. Ich dachte lange Zeit, ich kann nicht dauerhaft in einer Großstadt leben, weil mich als hochsensiblen Menschen die vielen Reize überfordern. Allerdings habe ich ja nun festgestellt, dass es im Umland zwischen zwei Großstädten auch nicht unbedingt ruhig sein muss. Und dass ich, da ich ja größtenteils alleine zu Hause arbeite, auf jeden Fall mehr Leben um mich herum brauche, um mich nicht wieder so abgeschnitten und isoliert zu fühlen. Ich brauche Anregung von außen und Austausch mit Menschen. Ich liebe die Natur, aber eben auch das (Groß)Stadtleben. Die Herausforderung dabei wird es sein, eine Balance zu schaffen zwischen Ruheinseln und Anregung ohne Überforderung.

Oktobersonne in Gohlis
Ach Pankow ❤

3 Kommentare zu „Wohnortgedanken

  1. Hallo liebe Christiana….toll das Du mit der Wohnungssuche begonnen hast….also die Bilder sind schon mal toll. Und Leipzig ist bestimmt auch klasse um dort zu Leben. Ja mit „5. Stock ohne Aufzug“ hab ich 10 Jahre Erfahrungen gesammelt…allerdings ohne Haustier. Ich hab mir jeden Gang immer reiflich überlegt: Fehlt noch etwas, kann ich schon etwas mit runter nehmen…nicht das ich zu oft rauf- oder runter muss 🙃🤣….und bei Einkäufen hab ich versucht immer alles auf Einmal hoch zu schleppen. Aber es klingt auch wundervoll mit der Dachterrasse ….ach ich drück Dir ganz dolle die Daumen, das Du etwas Schönes für Dich findest ….👍🌺🌷

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    1. Ganz lieben Dank, liebe Wirbelwind! 🙂 Das mit der Wohnung in Leipzig hat erstmal nicht geklappt. Leipzig als Stadt ist auf jeden Fall toll, ich habe bisher mit Pausen insgesamt knapp 9 Jahre da gelebt. Mal sehen, ob es mich wieder dahin verschlägt – oder woandershin 😉

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