Wenn Gefühle verblassen

Ich bin gerade für ein paar Tage in Berlin. Leider fühle ich mich im Gegensatz zum letzten Besuch diesmal so gar nicht wohl. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, woran das liegt. An der Stadt selbst nicht, die mag ich immer noch. Vielleicht an der Jahreszeit, am trüben Grau und am frühen Dunkelwerden? Vielleicht daran, dass ich mich schon in der ganzen letzten Zeit nicht wohlgefühlt habe und dass die neue Wohnung in Leipzig immer noch kein Zuhause ist (und dass mir somit die Basis dafür fehlt, dass ich mich in meinem Leben wohl und sicher fühlen kann). Dass ich mich in der letzten Zeit oft verloren und allein fühle? Ja, ich denke, dass es eine Kombination aus allem ist – und leider auch ein guter Nährboden für meine Angsterkrankung, die dadurch gerade wieder aktiv wird. Heute gingen mir einige Dinge wieder besonders nahe, Obdachlose, die in der Kälte ausharrten, teilweise mit Hunden … einer der Hunde war schon alt und mir bricht es einfach das Herz, wenn ich sehe, dass ein alter Hund solche kalten Tage draußen verbringen muss und nicht – wie Flores – einen warmen gemütlichen Platz hat.

Dazu kommt, dass die Zeit, die ich hier gelebt habe, unwiederbringlich immer weiter in den Hintergrund rückt. Und damit auch das positive Gefühl, das Zuhausegefühl, was ich hier immer hatte. Es verblasst mehr und mehr und irgendwann ist es nicht mehr da. Ich möchte das nicht, möchte es festhalten, will, dass es so bleibt, wie es war. Wenigstens dieses Gefühl, wenn schon alles andere nicht mehr da ist. Aber die Zeit ist da gnadenlos. Dass Gefühle verblassen kann ja auch positiv sein. Bei Liebeskummer zum Beispiel. Die Zeit nimmt das schlechte Gefühl mit, mit jedem Tag verblasst es mehr und irgendwann ist da nur noch eine Erinnerung … wertungsfrei, neutral. Wenn ich aber Liebe für jemanden oder etwas empfinde, dann will ich sie festhalten – auch wenn derjenige/dasjenige nicht mehr da ist. Ich will nicht vergessen, wie sich diese Liebe für denjenigen angefühlt hat. Weil ich finde, dass das Gefühl für die Person/das Tier etwas sehr Wichtiges ist, etwas, was denjenigen für mich lebendig bleiben lässt.

Als Jamie vor einigen Jahren gestorben ist, hatte ich Angst, dass ich die Liebe für ihn irgendwann nicht mehr fühlen würde, dass alles verblasst, dass ich ihn und das Leben mit ihm vergesse. Und leider ist es so gekommen. Natürlich habe ich ihn in dem Sinne nicht vergessen, Details jedoch sehr wohl und ich kann das Gefühl, was ich damals für ihn hatte, nicht mehr abrufen. Gleichzeitig ist natürlich auch der Schmerz viel weniger geworden. Das eine geht offenbar mit dem anderen einher.

Was aber bedeutet das, wenn es bei dem verblassenden Gefühl um einen früheren Wohnort geht, den man besonders ins Herz geschlossen hatte? Vielleicht muss ich erstmal akzeptieren, dass das hier eben nicht mehr mein vertrautes Zuhause ist … dass ich sowas eben gerade nicht habe. Vielleicht muss ich das Früher loslassen und sollte etwa beim Überqueren der Schönhauser Allee Richtung Bahn (ein Weg, den ich unzählige Male gegangen bin) nicht mehr verzweifelt in meinem Inneren nach diesem vertrauten Gefühl suchen. Akzeptieren, dass ich diese Orte kenne, sie mir aber nicht mehr so vertraut sind, wie sie das früher waren. Neutral eben. Anders neutral aber als damals, als ich neu hier und die Stadt mir fremd war, ich keinen persönlichen Bezug dazu hatte. Vielleicht schafft dieses Anders-Neutral-Sein im Laufe der Zeit ja auch die Voraussetzungen für neue, andere Erinnerungen …

Für mich ein ganz besonderes Cafe

4 Kommentare zu „Wenn Gefühle verblassen

  1. Hallo liebe Christiana, ich kenne und verstehe deine Suche an den alt vertrauten Orten nach dem Gefühl von früher zu suchen…wie wäre es mit dem Versuch bei einem Besuch die Haltung zu verändern..mir hat es früher geholfen damit umzugehen: z.b. zu versuchen den Ort bewusst als „Besucher“ aufzusuchen… nicht als „Suchender“ ..klingt zwar sehr abstrakt…Ich besuche die Orte und freue mich sie wieder zu sehen und so kleine Momente mit „also früher hab ich hier gesessen und bin da entlang gelaufen..“ aufleben zu lassen…wie wenn man einen alten freund trifft und sich erinnert…Ich glaube es tut nicht gut, dem Phantom eines vergangenen Gefühls nachzujagen…das merkst Du ja auch….
    Ich wünsche Dir ganz viel Stärke und die Ruhe, die Du brauchst . Liebe Grüße Wirbelwind🌻🍂🍀

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    1. Hallo Wirbelwind, danke für deinen Kommentar. Das von dir Vorgeschlagene wäre für mich der nächste Schritt. Irgendwann. Noch bin ich nicht soweit, dass ich es so sehen kann. Und das ist ok so. Menschen gehen ja sehr verschieden mit solchen Dingen um. Ich bin jemand, die sehr lange zum Verarbeiten solcher Lebensereignisse braucht, gerade auch mit meiner Angstgeschichte. Ich weiß aus Erfahrung, dass mich nur die Zeit weiterbringt und dass ich nichts erzwingen kann. Ich erzähle meine Gefühle in diesem Prozess niemandem, weil ich weiß, dass sie kaum jemand versteht. Hier ist für mich ein Ort, an dem ich meine Emotionen ordnen und loswerden kann, wo ich so schreiben kann und möchte, wie ich sie in dem Moment fühle – auch wenn sie für andere nicht verständlich sind.
      Dir einen guten Start ins neue Jahr!

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      1. Liebe Christiana ja sorry ich sollte mich bei solchen Beiträgen zurück halten. Natürlich ist das hier das Medium um einfach seine Gefühle raus zu lassen ohne Empfehlungen anderer 😪👀.,ich wünsche Dir einen guten Rutsch ins neue Jahr 🍀🍀🕯

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      2. Hallo liebe Wirbelwind, alles gut … das war gar nicht böse gemeint. Ich kenn das ja selbst auch, dass ich gern mal Ratschläge gebe. Allerdings ist das eben manchmal schwierig, weil man ja nicht in der Situation der Person ist und die Situation nicht komplett nachvollziehen kann bzw. die Person selbst weiß, dass es nicht gut ist, sich so zu fühlen, aber es aus irgendwelchen Gründen grerade nicht hinbekommt, etwas zu ändern. Ich wünsche dir ein gutes neues Jahr 2023!

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