Schritt für Schritt aus der Angstspirale

Ganz langsam zieht sich der Winter zurück … und macht dem Frühling Platz. Die Sonnenstrahlen wärmen jeden Tag ein bisschen mehr und überall blühen Schneeglöckchen und Krokusse. Ich atme auf. Noch mehr als sonst am Ende des Winters. Denn: Dieser Winter war anders. Noch anstrengender, beängstigender, einsamer als sonst. Seit Januar habe ich mich irgendwie durchgekämpft. Woche für Woche, Tag für Tag. Die Tagesabläufe waren gleich und mechanisch. Und ich habe mich mit der Zeit immer erschöpfter gefühlt. Mit der Erschöpfung und der Kraftlosigkeit kamen die Angstsymptome zurück. Ziemlich massiv. Tagsüber begleiteten sie mich fast ständig und nachts rissen sie mich aus dem Schlaf. Und ich merkte, dass ich so gar keine Energie mehr habe. Selbst kleine Dinge mit normalerweise wenig Energieaufwand fielen mir schwer. Ich versuchte noch im Februar, mein Arbeitspensum aufrechtzuerhalten. Es funktionierte nicht. Mein Körper streikte und ich musste einsehen, dass ich in den letzten Monaten, die ja durch die Corona-Beschränkungen ohnehin schon kräftezehrend gewesen waren, viel zu wenig auf mich geachtet hatte.

Farbtupfer

Ich habe also das Arbeitspensum sehr stark zurückgefahren (mit schlechtem Gewissen zwar, immerhin lief es nach einigen auftragsarmen Monaten wieder ziemlich gut und ich weiß nicht, wann die nächste auftragsarme Zeit kommt), mit der Einnahme eines hochdosierten Nahrungsergänzungsmittels begonnen (was mir erstaunlicherweise sehr gut hilft), mich viel ausgeruht, mit allem langsam gemacht und mich immer wieder gefragt, ob ich jetzt gerade die Kraft habe, dies und jenes zu tun (ich denke immer, dass ich genauso viel schaffen muss wie andere und ärgere mich oft darüber, dass ich nicht so leistungsfähig bin). Letzteres erfordert immer ein genaues Hinschauen, denn oft ist es auch die Angst, die mich davon abhalten will, etwas zu tun. Gerade in der letzten Zeit. Durch die coronabedingten Einschränkungen und dadurch, dass man fast nirgendwo hingehen konnte und kaum Menschen treffen konnte, hat sich die Angst in Bereichen zurückgemeldet, in denen sie in den letzten Jahren gar nicht mehr oder kaum noch präsent war. Rausgehen und Dinge unternehmen ist für mich immer auch Übung gegen die Angst. Dazu kommt die immer noch unbekannte Stadt (ich merke zur Zeit, dass ich hier noch nicht angekommen bin … und die Umzüge in den letzten Jahren hängen mir noch sehr nach). Und dann habe ich plötzlich wieder Angstsymptome in für andere Menschen völlig normalen Situationen wie beim Bahnfahren, im Supermarkt, bei sozialen Kontakten, eigentlich bei allem, was ich nicht gerade jeden Tag machen muss. Die Angstsymptome verschwinden erst wieder, wenn ich mich den Situationen regelmäßig aussetze. Und das tue ich jetzt wieder nach und nach. Ganz in meinem Tempo. Schritt für Schritt. Versuche, bei mir zu bleiben und mich durch teilweise verständnislose Kommentare nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. (Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass es zum Glück einige wenige Menschen gibt, die Verständnis haben, auch wenn sie nicht nachvollziehen können, wie es mir geht. Für diese Menschen bin ich umso dankbarer.)

Der Schladitzer See an einem sehr windigen Tag

Anfangs war ich frustriert und genervt und dachte mir: Warum zur Hölle soll ich jetzt schon wieder von vorne anfangen? Das habe ich in den letzten 20 Jahren wahrlich oft genug getan. Aber was bleibt mir sonst übrig? Mich im Haus einzusperren und gar nicht mehr rauszugehen? (Es gibt Angstpatienten, die können ihr Haus nicht mehr verlassen – das war bei mir bisher zum Glück nie der Fall.) Also habe ich in kleinen Schritten wieder angefangen. Ich bin mit der Angst zusammen die Hunderunden gegangen (mittlerweile hat die Angst eingesehen, dass ich die Runden auch ohne sie ganz gut schaffe). Mit zittrigen Knien und Herzklopfen bin ich mit dem Fahrrad zum Supermarkt gefahren, habe mit ebendiesen Knie- und Herzsymptomen den Einkaufswagen tapfer durch volle Gänge manövriert – und bin weder umgekippt noch gestorben. (Vermutlich hat mir noch nicht mal jemand mein inneres Chaos angesehen.)

Heute dann war ich nach 3 Monaten das erste Mal wieder in Leipzig. Mir war schon klar, dass ich nicht zu erwarten brauche, dass das ganz ohne Angst funktioniert. Zittrige Knie, Herzrasen und Schwindel waren dann auch besonders während der Bahnfahrt meine ständigen Begleiter. Aber ich wollte diesen Ausflug so gerne machen (irgendwann kann ich das auch wieder richtig genießen), dass ich mir dachte, pffff, du blöde Angst, du erwartest doch nicht ernsthaft, dass du mich mit diesen blöden Symptomen von meinem Ausflug abhalten kannst? Also habe ich durchgehalten. Und es war so schön, endlich mal wieder rauszukommen. Vor Ort war die Angst auch nicht ganz weg, aber eben auch nicht ganz so präsent, weil ich mich auf andere Dinge konzentrieren musste: eine nette, ältere Dame, die mich bat, ihr etwas aus einem höheren Regal zu geben, in einem Klamottenladen (mit Termin) shoppen (meine Güte, tat das gut, endlich mal wieder einen anderen Laden als den Supermarkt von innen zu sehen und nach Herzenslust stöbern zu können – für mich eine der besten Ablenkungen von Angstgefühlen) und zu guter Letzt ein Team von Sachsen TV, das mich auf dem Marktplatz ansprach und mir ein paar Fragen zum Reisen während der aktuellen Coronasituation stellte (zum Glück ist es dank Mütze und Maske relativ unwahrscheinlich, dass man mich im Beitrag erkennt 😀

Der Marktplatz in Leipzig

Und so werde ich weitermachen. Schritt für Schritt. In der Hoffnung, dass nicht gleich der nächste Lockdown vor der Tür steht und wieder alles dicht macht. Und ansonsten bin ich fest entschlossen, in der nächsten Zeit besser auf mich zu achten, um mich irgendwann wieder innerlich kräftiger und glücklicher zu fühlen: mir in den nächsten Wochen viele Freiräume von der Arbeit schaffen, in denen ich nicht verfügbar bin, mich ausreichend auszuruhen und ausreichend schlafen (wenn die teilweise minütlich startenden Flugzeuge des nahen Flughafens – leider ohne Nachtflugverbot – mich lassen), jeden Tag zu meditieren, mich möglichst von all den negativen Nachrichten und dem Corona-Chaos fernhalten, möglichst viel Zeit in der Natur verbringen und die Sonne genießen, hoffentlich bald wieder liebe Menschen treffen (diese ganzen Kontaktbeschränkungen gehören zu den Dingen, die mir in diesem ganzen Corona-Jahr am schlimmsten zugesetzt haben) und generell Dinge tun, die mir Spaß machen. Ich muss da wirklich streng mit mir sein … ich neige nämlich dazu, wenn es mir besser geht, Dinge wie Meditieren, Ausruhen etc. schleifen zu lassen bzw. gar nicht mehr zu machen. Und das wäre sehr kontraproduktiv. Ich hoffe, wenn mein Kopf nicht mehr die ganze Zeit mit dem Angstkram beschäftigt ist, kommen die Kreativität und die Lust zum Schreiben auch wieder zum Vorschein.

3 Kommentare zu „Schritt für Schritt aus der Angstspirale

  1. Liebe Christiana, das machst Du sehr gut….Du kannst so stolz auf Dich sein, das Du immer weiter machst…dich nicht der Angst auslieferst….mach weiter so…. Du bist viel stärker als die Angst….ja es kostet Kraft und es ist nervig immer wieder zu kämpfen….aber das Leben ist doch einfach zu schön…und Du genießt ja die Natur und das Leben….🤗 fühl Dich gedrückt

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    1. Ganz lieben Dank, liebe Wirbelwind! 🙂 Andere Option als mich der Angst zu stellen gibt es keine, wie du sagst, das Leben ist einfach zu schön und ich habe schon viel zu viele Sachen wegen der blöden Angst nicht gemacht (wobei, so blöd ist die gar nicht, sie zeigt mir ja, dass ich wieder nicht auf mich aufgepasst habe). Es geht aber auf jeden Fall aufwärts … und vor allem die Natur und der beginnende Frühling helfen einfach ungemein. Einen lieben Drücker zurück an dich 🙂

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  2. so ein Blog kann helfen, sich das immer wieder vor Augen zu halten, wie wichtig es ist, auf sich selber aufzupassen. einer meiner Lieblingssprüche lautet: Stelle Dich selbst in DEINEN Mittelpunkt – ein anderer wird es (.i.d.R.) nicht tun.
    ….schön das es bei Dir wieder aufwärts geht….🤗🌼

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