Zurück am Meer

Ich atme ein. Endlich wieder frische Meeresluft, die ich so lange vermisst habe. Endlich wieder Wind auf der Haut und Sand unter den Füßen. Endlich wieder durch Küstenwälder streifen und abseits der stark frequentierten Wege Stille finden. Endlich wieder auf meiner Lieblingsinsel Usedom. Diese Insel, die ich seit über 10 Jahren kenne, auf der ich seither viel Zeit verbracht habe, mit der mich viele Erinnerungen verbinden, ist wie mein 2. Zuhause. Mein Ort der Erholung. Vor einem Jahr war ich zum letzten Mal hier. Auch wenn es voll geworden ist und mancherorts hektisch und laut, auch wenn sich Blechlawinen durch die Kaiserbäder wälzen – abseits davon gibt es immer noch ruhige Ecken, in denen man die wunderschöne Natur hier genießen kann.

Steilküste in Bansin

Die Probleme, die mich in den letzten Wochen begleitet und mein Leben bestimmt haben, sind zwar mitgereist. Aber sie werden mit jedem Tag kleiner. Räumlicher Abstand wirkt Wunder. Hier gibt es diese Art von Lärm nicht, die mich durchweg diesen Sommer gestresst hat, es gibt keine Flugzeuge, die hauptsächlich nachts zwischen 0 und 5 Uhr über dem Haus dröhnen und mich aus dem Schlaf reißen, hier gibt es keine Motocross-Strecke, durch deren Lärm man den Balkon häufig nicht nutzen und nicht bei geöffnetem Fenster arbeiten kann. Hier ist kein Verkehrslärm der Bundesstraße zu hören. Hier sind keine rasenmäherwütigen Nachbarn, die beinahe täglich stundenlang ihrem lärmenden Hobby nachgehen. Hier gibt es keine rauchenden Nachbarn, deren Qualm in die Wohnung zieht, wenn man nicht schnell genug alle Fenster und die Balkontür schließt. (Wenn man von 3 rauchenden Nachbarn umgeben ist, kann das schnell zu einer tagfüllenden und nervigen Beschäftigung werden.) Es ist eine Wohltat, gerade all diese Dinge, die mich an meiner Wohnung ärgern/stressen los zu sein. (Letztendlich wird es nach einem Jahr in dieser Wohnung wohl darauf hinauslaufen, dass ich wieder umziehen muss. Es ist einfach keine Umgebung, die mir guttut.)

Ebenfalls Bansin

Immer weiter weg rücken gerade auch die Probleme mit meiner Mutter, die mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt haben. Sie hat große gesundheitliche Probleme, spielt diese allerdings herunter und weigerte sich lange, weitere Untersuchungen durchführen zu lassen. Nachdem meinem Vater, dem das auch alles sehr zusetzt, der Kragen geplatzt war, kam sie dann letztendlich ins Krankenhaus, wo sie zur Zeit noch ist. Bei den Untersuchungen wurde bisher nichts gefunden. Ich habe sie vor einer Woche besucht (meine Eltern wohnen über 200 km weit weg) und war sofort mittendrin. Ich sehe mich da einem Riesenberg an Problemen gegenüber, bei dem ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Es gibt so viele Dinge, die angegangen werden müssen, gesundheitlicher Natur und auch in ihrem Haus (sie hortet Dinge, das Haus wird immer voller und es besteht ständig die Gefahr, dass sie über etwas fällt und sich verletzt). Aber sie WILL nichts ändern. Jedes diesbezügliche Gespräch ist ein Kraftakt, bei dem man das Gefühl hat, man redet gegen eine Wand und erreicht doch nichts. Bestenfalls zieht man sich ihren Zorn zu. Ich fühle mich verantwortlich, hilflos und wütend. Auch weil ich sehe, wie mein Vater unter der Situation leidet.

Küstenwald

Diese Zeit jetzt hier, der Abstand zu allem, hilft mir, ein wenig zur Ruhe zu kommen und mich ein wenig abzugrenzen, etwas, was mir im direkten Kontakt mit den Problemen so gut wie gar nicht gelingt. Ich tanke Kraft, indem ich ganz viel draußen bin, am Strand, im Wald oder im Garten der Ferienwohnung. Mir hilft der Blick auf das Meer, dessen weiße Schaumkronen tragende Wellen sanft am Strand auslaufen, auf viele kleine Muscheln im Sand, auf Möwen, die laut kreischend über das Wasser gleiten. Gestern, bei einem Strandspaziergang, habe ich mich in den Sand gesetzt, aufs Meer geschaut, Sand durch meine Finger rinnen lassen und mich einfach über diesen Augenblick gefreut, in dem ich an genau dieser Stelle war. An diesem Ort war ich in diesem Moment genau richtig … ich musste nichts tun, nicht reden, nicht denken. Einfach nichts. Einfach nur sein. Und genau das hat mich in diesem Moment sehr glücklich und ruhig gemacht.

Lieblingsstrand

5 Kommentare zu „Zurück am Meer

  1. Ohhhh WUNDERBAR – Du bist im Urlaub….das ist klasse 🙃🤗. Ja, einfach nur SEIN – nichts machen müssen, nicht kämpfen, nicht reden, nicht entscheiden…..erhol Dich gut und tanke soviel Kraft wie es nur geht.
    Ich verstehe Dich sehr gut mit derWohnung…da scheint ja wirklich gar nichts zu passen…dann lieber den Kraftakt des Umzugs aus sich nehmen, in der Hoffnung das es dann besser werden kann (ich ziehe übrigens auch bald um).
    Und wenn ich noch etwas bemerken darf: ich weiß es fällt schwer, aber wir als „Kinder“ haben kaum Möglichkeiten unseren erwachsenen Eltern in Ihr Leben reinzureden, vor allem wenn diese stur auf ihrer Form zu leben, beharren. Besser wäre es, hier nicht die eigene Kraft in endlosen Diskussionen zu vergeuden. Ich kenne das noch von meinem Vater 😦
    DEIN Vater allerdings sollte Fakten schaffen (rigoros aussortieren und wegwerfen/-geben, wenn sie nicht das ist), bei dem Du ihn unterstützen kannst. Er darf das – Du nicht 🙏😥 Jemand der fast zwanghaft hortet, kann und wird durch gutes Zureden nicht davon lassen. (Wenn ich Dir mit damit jetzt zu nahe getreten sein sollte, dann tut es mir leid…🌺🌺) Liebe Grüße und pass auf Dich auf Wirbelwind

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